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PraxismanagementTierarztpraxis: große Verantwortung und psychische Belastung

Stress Management Concept
Olivier Le Moal/stock.adobe.com

Viel Verantwortung und verschiedene Aufgaben führen in der Tierarztpraxis bei den Mitarbeitern immer wieder zu psychischen Belastungen. Doch wie lassen sich Situationen besser bewältigen, um ernste Folgen für die seelische Gesundheit zu vermeiden?

Neben dem berufsbedingten Wunsch zu helfen und zu heilen, spüren viele Tierärzte heutzutage auch einen wirtschaftlichen Druck. Dieser entsteht, weil die Behandlung in der Regel vom Tierhalter selbst bezahlt wird, was nicht selten zu überhöhten oder gar unrealistischen Ansprüchen an den Tierarzt führt. Für diese Ansprüche gibt es unterschiedliche Gründe: Manchmal liegt es an den Therapiekosten, manchmal auch an mangelnden medizinischen Kenntnissen der Tierhalter oder an der Vorstellung, dass die Tiermedizin weniger kompliziert ist als die Humanmedizin. Eine zusätzliche Belastung kann entstehen, weil in der Tierarztpraxis nicht nur das Leid der Patienten, sondern auch das der Tierhalter direkt miterlebt wird.

Was macht uns verletzlich?

Jeder Mensch hat eine Veranlagung psychische und emotionale Beschwerden zu entwickeln. Doch jeder Mensch hat eine andere kritische Grenze, ab der der Stress zu hoch wird und somit die Belastung zu stark. Hinzu kommen außerdem noch andere Faktoren, die die Stressresistenz eines Menschen beeinflusst.

Dazu zählen unter anderem die Persönlichkeitseigenschaften, denn Menschen, die sich für die Tiermedizin entscheiden zeigen oft eine besonders ausgeprägte Empathiefähigkeit. Einerseits ist diese Eigenschaft gut, um eine gute Beziehung zu den Patienten und Patientenbesitzern aufzubauen, andererseits ist die Belastung dadurch umso größer, da das Schicksal der Patienten dann um so mehr die Psyche belastet. Die Fälle werden häufig "mit nach Hause" genommen und man schafft es nicht so richtig von der Arbeit abzuschalten. Hinzu kommt ein gewisser Perfektionismus, der ebenfalls einerseits hilfreich ist, andererseits setzt man sich so auch enorm unter Druck und Misserfolge werden intensiver erlebt. Aber auch soziale Aspekte wie Familie, Freunde und soziale Situationen, sowie die „Work-Life-Balance“ spielen eine wichtige Rolle, denn wenn es hier zusätzliche Belastungsfaktoren gibt, kommt es insgesamt zu einer schnelleren psychischen Erschöpfung.

Blinde Flecken kennen

In der Psychotherapie spricht man von „blinden Flecken“. Es sind die Eigenschaften, Erfahrungen und Gedanken, die einen Menschen unbewusst stark geprägt haben. Oft entdeckt man diese erst im Berufsleben, wenn man mit einer Situation konfrontiert wird, die in uns eine intensive Reaktion auslöst. Es ist deswegen wichtig, eigene „blinde Flecken“ zu identifizieren, denn nur so können Sie versuchen, sie entweder in den Berufsalltag zu integrieren oder, wenn sie sehr belastend sind und die normale Berufsausübung erschweren, therapeutisch zu bearbeiten.

Wenn man an seine Grenzen stößt

Immer wieder wird man im tierärztlichen Beruf mit Situationen konfrontiert, die einen psychisch besonders belasten. Dabei sollte jeder für sich selber erörtern, ob ein bestimmter Fall psychisch zu schwer für einen selbst ist und woran es liegen könnte. Denn auch als Tierarzt ist man nicht automatisch dazu verpflichtet, um jeden Preis an seine Grenzen zu gehen. So kann es manchmal für alle Beteiligten besser sein, wenn ein Fall an einen anderen Kollegen übergeben wird. Zudem hilft es, wenn ein laufender Fall oder auch ein bereits abgeschlossener Fall, der einen selbst stark belastet mit Kollegen zu besprechen und gemeinsame Strategien zu entwickeln.

Welche Rolle spielen die finanziellen Möglichkeiten?

Einer der größten Unterschiede zwischen Tier- und Humanmedizin ist, dass die tiermedizinische Behandlung sehr stark von den finanziellen Möglichkeiten des Tierhalters abhängig ist, sodass man nicht allen Patienten die gleiche Therapie anbieten kann. Nicht selten führt es dazu, dass die Behandlung, die am ehesten indiziert wäre, nicht durchgeführt werden kann oder sogar die laufende Therapie unterbrochen werden muss, weil der Tierhalter es nicht mehr bezahlen kann. So ist es von großer Wichtigkeit, dass Kosten mit dem Tierhalter vor Behandlung genauesten besprochen werden, um hier vor allem Missverständnissen vorzubeugen, aber auch für beide Seite die Möglichkeiten der Behandlung aufzuzeigen.

Euthanasie – der Extremfall

Häufig muss ein Tierarzt schwierige Entscheidungen treffen, sei es eine risikoreiche, invasive Behandlung oder das Beenden einer Therapie bei palliativen oder schwerstkranken Patienten. So ist der Extremfall, die Euthanasie, die zwar zum Berufsalltag gehört, aber nie zur Routine wird, eine immer wiederkehrende psychische Belastung. Selbst wenn im Rahmen des sogenannten „Shared-Decision-Making“ (der gemeinsamen Entscheidung von Arzt und Patient bzw. den Angehörigen über die Behandlung) der Tierhalter in den Entscheidungsprozess integriert wird, trägt man selber die medizinische Verantwortung. Um mit solchen schwerwiegenden Entscheidungen gut umgehen zu können, ist es sehr wichtig, dass man sicher ist, dass die getroffene Entscheidung die Richtige ist. Während dies bei Tierärzten mit längerer Berufserfahrung meist der Fall ist, braucht man als Berufsanfänger oft einen Rat von erfahreneren Kollegen.

Interpersonelle Konflikte

Auch Konflikte innerhalb eines Teams kommen immer mal wieder vor. Diese können sowohl positive Auswirkungen haben, aber auch negative Einflüsse auf das Arbeitsklima. Deshalb sollte Konflikte schnell erkannt werden, damit es gar nicht erst zu einer Eskalation kommt. Regelmäßige Teambesprechungen eignen sich dafür am besten, doch auch Einzelgespräche sind in bestimmten Fällen nötig.

Doch auch außerhalb des Teams kommt es häufig zu Problemen, in diesem Fall mit beispielsweise unzufriedenen, fordernden oder unhöflichen Tierhaltern. Hier sollte zuerst einmal eingeschätzt werden, ob es sich um ein angebrachtes Verhalten handelt oder ob die Reaktionen des Tierhalters maßlos übertrieben sind. Für ein gutes Miteinander zwischen den Menschen ist somit eine klare Kommunikation wichtig und Missverständnisse sollten schnell geklärt werden, damit der Behandlungsprozess des Tieres erfolgreich verlaufen kann.

Benötige ich Hilfe?

Wenn man nach einer besonders stressigen Phase oder einem belastenden Ereignis bei der Arbeit, insbesondere wenn es gleichzeitig auch im privaten Lebensbereich Probleme gibt, einige Tage schlechter schlafen kann, nicht gut gelaunt ist und am liebsten keinen Menschen sehen möchte, ist das meistens eine normale Reaktion, eine Art „seelischer Muskelkater“. Es bietet sich in dieser Zeit trotzdem häufig an, Abstand zu nehmen, damit sich der Körper und die Psyche erholen können.

Sollten Symptome jedoch länger als zwei Wochen anhalten, sollte man sich nicht scheuen und professionelle Hilfe aufsuchen. Denn jede weitere psychische Belastung führt zur Verstärkung der Situation und umso länger die Situation getragen wird, umso schwieriger wird es aus diesem Teufelskreis wieder allein rauszukommen. Viele Tierärzte haben das Gefühl, sie dürfen nicht schwach sein, nicht krank sein, nicht auf Arbeit fehlen, doch man sollte sich bewusst machen, dass es menschlich ist, dass man einige Situationen nicht allein schafft. So ist es kein Zeichen von Schwäche, wenn man die Hilfe von Anderen annimmt, denn durch diese kann man wachsen und weitere Erfahrungen sammeln, die einen selbst stärken. Und vor allem wenn man denkt man wird der Situation allein nicht mehr Herr sollte man sich professionelle Hilfe holen, bevor es im Extremfall zu suizidalen Gedanken kommt. Hier ist zudem wichtig für sich den Weg zu finden, der einem selbst gut tut. Dem einen hilft es, sich einer nahestehenden Person anzuvertrauen, der andere redet lieber mit einem Arzt darüber. Heutzutage gibt es auch niederschwellige Hilfsangebote in telefonischer oder elektronischer Form, wo man sich anonym beraten lassen kann. Wichtig ist, die Suizidgedanken direkt anzusprechen. Oft führt allein das Gespräch zu einer deutlichen Entlastung des Betroffenen, ohne dass eine tiefergreifende Behandlung erfolgen muss.

Hilfsangebote

Beim Auftreten von Suizidgedanken oder ähnlichen psychischen Beschwerden können Sie sich jederzeit an die Telefonseelsorge unter der bundeseinheitlichen kostenlosen Rufnummer 08 00-1 11 01 11 oder 08 00-1 11 02 22 und im Internet unter www.telefonseelsorge.de wenden!

Fazit

Obwohl die Gefahr sehr hoch ist, als Tierarzt belastende Situationen im Arbeitsalltag zu erleben, kann man trotzdem ein ausgeglichenes und erfülltes Berufsleben führen. Hierbei sollte man selbst auf seinen Körper hören und die Work-Life-Balance beachten. Außerdem sollte die eigene Psyche ernst genommen und Unterstützung angenommen werden, sofern es nötig ist, denn mit der richtigen Hilfe lässt sich Vieles überstehen. Zudem ist das Bewusstmachen der eigenen Stärken und Schwächen ein wichtiger Punkt, um zu wissen welche Situationen problematisch für einen selbst werden könnten.

 

Der Originalartikel zum Nachlesen:

Kantor, K. Psychische Belastung in der Tierarztpraxis. kleintier konkret 2020; 23(05): 46-49. DOI: 10.1055/a-1225-9505

Karolina Kantor ist Fachärztin für Psychatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Halle (Saale).

Der Originalartikel"Psychische Belastung in der Tierarztpraxis" erschien in der kleintier konkret.