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Künstliche IntelligenzEin neues Werkzeug für die Veterinärmedizin?

Der Bundesverband für Tiergesundheit diskutierte über Chancen und Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz. Bei der Veranstaltung „Tiergesundheit: Mit KI zum nächsten Level“ wurden verschiedene KI-Einsatzmöglichkeiten vorgestellt.

Hände von einer Person mit weißem Kittel halten ein virtuelles Gehirn fest
natali_mis/stock.adobe.com

KI kann eine schnellere Früherkennung von Krankheiten ermöglichen.

Künstliche Intelligenz (KI) stand im Fokus der diesjährigen Frühjahrsveranstaltung des Bundesverbandes für Tiergesundheit e.V. (BfT), die am 16.05.2024 in Hannover stattfand. Die unterschiedlichen Blickwinkel und Diskussionen ergaben einen gemeinsamen Konsens: KI ist ein Werkzeug mit viel Potenzial. Sorgfältig angewandt und mit Bewusstsein für die Grenzen der Technologie bieten die Kapazitäten zur komplexen Datenanalyse große Chancen, insbesondere um die Diagnostik und Prävention in der Tiermedizin entscheidend fortzuentwickeln. KI kann nicht nur im medizinischen Alltag bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Dabei obliegt die Festlegung und Anordnung der eigentlichen therapeutische Maßnahme weiterhin den Ärzt*innen.  

Unter dem Titel „Tiergesundheit: Mit KI zum nächsten Level“ stellten die fachkundigen Referent*innen in 3 Impulsen die KI vor. Thematisiert wurden die Möglichkeiten von KI im Leben der Menschen, in der pharmazeutischen Forschung sowie für die Anwendung in der Veterinärmedizin.

KI-basierte Systeme finden schon seit Jahrzehnten Einsatz im Alltag, sei es bei der Wettervorhersage oder der Fahrzeugentwicklung. Auch in der Tiermedizin findet KI vermehrt den Weg von der (Er-)Forschung in die Praxis. So unterstützt KI bereits erfolgreich bei der Auswertung von Röntgen- und Ultraschallaufnahmen, dem Monitoring physiologischer Funktionen oder des Tierverhaltens und bei der Datenanalyse. Dies ermöglicht, gesundheitliche Probleme der Tiere frühzeitig zu erkennen, geeignete Behandlungspläne zu entwickeln oder die Fütterung und das Stallmanagement zu optimieren.

Professor Klaus Osterrieder, Präsident der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), hob in seinem Grußwort die Bedeutung von KI für alle Bereiche der Tiermedizin hervor und verwies gleichzeitig auf die Notwendigkeit einer sorgfältigen Handhabung.

Neue Arbeitsplätze durch den Einsatz künstlicher Intelligenz 

Patrick Ratheiser, CEO und Co-Founder von Leftshift One, betonte, dass KI gekommen sei, um zu bleiben. Er wies darauf hin, dass nur 12% der Unternehmen weltweit KI nutzen. KI könne, so Ratheiser, viele Aufgaben übernehmen und in Arbeitsprozessen unterstützen, aber nicht den menschlichen Verstand ersetzen. „Künstliche Intelligenz hat im Jahr 2022 dreimal mehr Arbeitsplätze geschaffen als sie übernehmen konnte“, betonte Ratheiser. Beispiele aus der Praxis zeigen, wie KI in der Tiergesundheit eingesetzt werden kann, um etwa Krankheiten frühzeitig zu erkennen und individuelle Ernährungspläne für Hunde und Katzen zu erstellen.

Prävention statt Reaktion in der (Tier-)Medizin

Dr. Narges Ahmidi ist Expertin in KI-gesteuerter Gesundheitsfürsorge. Sie zeigte auf, dass KI bereits heute in vielen Bereichen der Medizin eingesetzt wird, zum Beispiel in der Zahnmedizin, der Rekonstruktionschirurgie, zur Unterstützung in der Intensivmedizin sowie einer Vielzahl von diagnostischen Anwendungen.

Sie betonte insbesondere den Vorteil der KI in der Fähigkeit, schneller zu lernen als menschliche Ärzt*in. Während Ärzt*innen durch die Fälle, denen sie im Berufsleben über die Jahre begegnen, zu Experten werden, lerne die KI weitaus schneller, so Ahmidi. „Mit KI kann der Zeitpunkt, zu dem der Arzt die finale Diagnose kennt, deutlich nach vorne verlagert werden“, hob Ahmidi hervor. Diese ermöglicht große Fortschritte in der Früherkennung und eine spezifischere Behandlung von Krankheiten – weg von reaktiven hin zu präventiven Maßnahmen.

Praktische Anwendungen im Alltag

Dr. Henning Müller vom Deutschen Zentrum für Künstliche Intelligenz, Osnabrück, präsentierte praktische Anwendungen von KI in Landwirtschaft und Veterinärmedizin. Er erläuterte, wie auf seinem Familienbetrieb durch KI-Pflanzenbilder aufgenommen und ausgewertet werden, um gezielte Herbizidanwendungen und mechanische Unkrautbekämpfung zu ermöglichen. „Es ist bereits möglich, KI zu trainieren, eine Pflanze zu erkennen. Komplexer wird es jedoch, beispielsweise das Wachstumsstadium zu bestimmen,“ so Müller. Er führte aus, dass KI in der Nutztierhaltung bereits in der Zuchtsteuerung, zur Prozessoptimierung im Betrieb oder der Praxis, zur Geburtsüberwachung und Früherkennung von Krankheiten erfolgreich eingesetzt wird. Projektergebnisse zeigen, dass KI auch erfolgreich zur Früherkennung von Problemen wie dem Schwanzbeißen bei Schweinen eingesetzt werden kann. Datenanalyse durch KI könne auch den Austausch zwischen Tierärzt*innen und Tierhalter*innen für zielgenaue Bestandsmanagementkonzepte unterstützen. Wie in der Humanmedizin unterstütze KI auch in der Veterinärmedizin, z.B. in der Mustererkennung und Erstellung optimierte Behandlungspläne sowie darin, den wirksamsten Therapieansatz zu finden. Er hob die Bedeutung der Datenqualität beim Training der KI für die spätere sinnvolle Nutzung hervor.

Erwartungen, Notwendigkeiten und Verantwortung

In den Breakout-Sessions diskutierten die Teilnehmenden die Erwartungen an KI in der veterinärmedizinischen Praxis, für und an die Ausbildung sowie in der Wissenschaft. Die Ergebnisse wurden in einer anschließenden Podiumsrunde zusammengefasst und beleuchtet. Die gemeinsamen Diskussionen betonten die Notwendigkeit der Vernetzung von Kompetenzen zur Entwicklung optimierter KI-basierter Anwendungen. Die Lehre ist gefordert, künftige Tiermediziner*innen, aber auch Agrarwissenschaftler*innen und Landwirt*innen auf einen bewussten Umgang mit diesem kraftvollen Werkzeug vorzubereiten. Gelernt werden muss, die Grenzen jeder Anwendung einordnen zu können und Ergebnisse zu hinterfragen. Eine große Herausforderung ist, relevante Daten in guter Qualität und Menge zu erhalten. Einschränkungen durch gesetzliche Vorgaben, z.B. durch den europäischen Data Act und AI-Act, sind ebenso zu berücksichtigen wie die Bedeutung der Ethik im Umgang mit KI. Der umfangreiche Datenpool, insbesondere in der Nutztierhaltung, bietet Chancen im Zusammenwirken der veterinärmedizinischen Praxis, dem öffentlichen Veterinärwesen und der Landwirtschaft, die Gesundheit der Tierbestände zu überwachen und weiter zu verbessern. Mit KI-gestützten Plattformen könne der Zugang zu aktuellen Forschungsergebnissen und Fallstudien ermöglicht werden und die stetige Fortbildung sowie der kontinuierliche Wissensaustausch gefördert werden.
Bei allem Potenzial und der Vielzahl von KI-Anwendungen liegt die Art der Nutzung in der Hand des jeweils Verantwortlichen, wie Wissenschaftler*innen, Tierärzt*innen oder Unternehmer*innen. Keine Scheu, sondern Offenheit und aktives Mitgestalten seien der Weg, um das Potenzial auch für die Veterinärmedizin nutzbar zu machen. 

Quelle (nach Angaben von):
Künstliche Intelligenz in der Tiermedizin: Innovationen und Chancen im Fokus (bft-online.de) 04.06.2024

(IR)