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Vet-NewsIgel gefunden - Was nun?

Hedgehog, wild, native, European hedgehog foraging in natural wo
Anne Coatesy / stock.adobe.com

„Wir haben einen Igel gefunden, der vielleicht Hilfe braucht. Was sollen und dürfen wir tun?“ Mit dieser Fragestellung werden jeden Herbst zahlreiche Tierarztpraxen und somit auch Tiermedizinische Fachangestellte konfrontiert. Pro Igel e. V., als überregional tätiger Igelschutzverein informiert über die wichtigsten Punkte für ein optimales Management von Fundigeln.

Der Igel ist ein unter Naturschutz (BNat SchG §43) stehendes Wildtier und darf nicht wie ein Haustier behandelt werden. Pflege und Haltung müssen mit dem Tierschutzgesetz §2 in Einklang stehen. Das bedeutet, dass nur folgende Fundtiere aufgenommen und (vorübergehend) in Gefangenschaft gehalten und gepflegt werden dürfen:

  • verwaiste Igelsäuglinge (80 % werden im Spätsommer geboren – nur 1 Wurf pro Jahr)
  • verletzte und kranke Igel (tagsüber herumlaufend oder -liegend, apathisch und abgemagert)
  • Igel, die nach Wintereinbruch bei Frost und Schnee aktiv sind

Faustregel

Nur im Spätherbst aufgefundene Jungigel, die deutlich unter 500 Gramm wiegen, sollten in menschlicher Obhut gepflegt und überwintert werden, denn sie sind fast immer nicht nur untergewichtig, sondern auch krank. Gesunde Jungigel, die Anfang November wenigstens 500 g wiegen, haben gute Chancen, den Winter draußen zu überleben.

Erstmaßnahmen in der Praxis

Als Erstmaßnahme bei der Vorstellung des Igelpatienten sind zunächst Finderdaten, Fundumstände und -datum mit Uhrzeit, Gewicht, sowie die genaue Fundstelle zu notieren, da der Igel nach der Genesung möglichst dorthin zurück soll. Als nächstes folgt die Geschlechtsbestimmung, bei der man den Igel durch sanftes „Über-den- Rücken-Streicheln“ zum Ausrollen bringt und dann in Seitenlage die Geschlechtsteile betrachten kann.

Die Geschlechtsbestimmung ist vor allem bei in den Sommermonaten gefundenen Alttieren wichtig, da es sich um ein säugendes Muttertier handeln kann. Besteht dieser Verdacht, sollte man unbedingt am Fundort und in der Umgebung nach verwaisten Igelsäuglingen suchen (lassen), die dann schnellstens in fachgerechte Hände zur Aufzucht zu geben sind (Adressen ggf. über Pro Igel e.V. erfragen).

Ist das Tier an der Bauchseite deutlich kälter als die eigene Hand, muss es zunächst gewärmt und aufgebaut werden : Der Igel wird hierfür auf eine mit handwarmem Wasser gefüllte und mit einem Handtuch umwickelte Gummiwärmflasche oder Wärmeplatte (kein Heizkissen mit Kabel) gesetzt und locker zugedeckt. Je nach Zustand des Igels (geschwächt/ dehydriert) sind Gaben von Aufbaupräparaten (Elektrolyt-Lösung, Aminosäuren, Vitamin-B-Komplex) empfehlenswert. Jeder Igel – auch ein scheinbar unverletztes Tier – muss inkl. Kopf, Bauchseite und Beinen gründlich auf Verletzungen untersucht werden.

Behandlung und Pflege

Grundsätzlich gilt, dass jegliche medikamentöse Behandlung (= Gabe von Medikamenten außer der mechanischen Entfernung von Ektoparasiten) eines hilfsbedürftigen Igels erst nach Erreichen der normalen Körpertemperatur (ca. 36 °C) erfolgen darf!

Parasiten

Bei der antiparasitären Behandlung dürfen keine Behandlungsschemata einfach von anderen Tierarten auf den Igel übertragen werden, denn dies kann zu Todesfällen führen!

Sichtbare Ektoparasiten sind umgehend wie folgt zu entfernen:

  • Fliegenmaden und -eier: Sorgfältiges Absammeln mit der Pinzette
  • Zecken: Entfernung mit Pinzette oder Zeckenzange
  • Flöhe: mildes Spray (kein Puder!)

Würmer sollten möglichst erst nach einer Kotuntersuchung gezielt therapiert werden.

Ernährung

Igel sind Insektenfresser und können weder Obst noch Gemüse aufschließen, selbst wenn sie diese Kost fressen. Als Nahrung ist Katzendosenfutter mit hohem Fleischanteil geeignet, auch hartgekochte Eier oder Rührei und angebratenes Rinderhackfleisch , jeweils ungewürzt mit etwas Öl angebraten oder gekochtes Geflügelfleisch (kein Rohfleisch wegen Salmonellengefahr!).

Zusätzlich sollte der Igel pro Futterportion als Ballaststoff einen Esslöffel Haferflocken oder kommerzielles Igeltrockenfutter erhalten. Zu trinken bekommt er Wasser, keine Milch. Zusätzliche Gaben von Mineralstoffen oder Vitaminen sind bei ausgewogener Ernährung unnötig und können eher schaden.

Sehr schwachen Igeln sollte man etwas lauwarmen, ungesüßten Fenchel- oder Kamillentee einflößen, und sie ggf. mit Diätnahrung (zwangs-)füttern. Ein mittelgroßer (ca. 600 g schwerer) Jungigel frisst täglich etwa so viel, wie in einen 150g-Joghurtbecher passt. Den Maßstab für die richtige Futtermenge bildet die Gewichtszunahme – bei Nachholbedarf können die Tageszunahmen 15–20 g/Tag betragen, später sollten es etwa 10 g/Tag sein. Zur Kontrolle wiegt man den Igel anfangs täglich, später wöchentlich.

Unterbringung

Igel sind – ausgenommen in der Paarungszeit – Einzelgänger. Jeder Igel braucht in Pflege ein eigenes Gehege, nur Geschwister vertragen sich eine Zeitlang miteinander. Ideal ist ein Gehege aus beschichteten Hartfaserplatten, das man leicht reinigen kann. Die Unterbringung für das Igelquartier sollte normale Raumtemperatur und Lichteinfall besitzen und die Behausung 2m2 groß und 50 cm hoch sein, denn die Kerlchen können gut klettern. In Tierarztpraxen oder Igelstationen, die Igel vorübergehend aufnehmen, sind für kurze Zeit auch kleinere Gehege und Käfige tolerierbar.

Als Bodenbelag im Gehege dient Zeitungspapier, das man täglich wechselt. Sägemehl und Katzenstreu sowie Laub und andere Naturmaterialien sind aus hygienischen Gründen abzulehnen. Als Schlafhäuschen braucht der Igel einen kleinen Karton, z. B. von Kopierpapier, in den man ein Schlupfloch von 10 × 10cm schneidet und den man mit Küchenpapier oder zerrissener Zeitung füllt.

Wichtige Infos

Der Verein Pro Igel e.V. bietet unter www.pro-igel.de ausführliche Informationen rund um Igel und Igelhilfe mit stets aktuellen Hinweisen und Fachpublikationen (zum Download).

Winterschlaf

Nach Möglichkeit wildert man gesund gepflegte Igel noch im gleichen Herbst wieder aus, solange es draußen einigermaßen mild ist, ein Unterschlupf vorhanden und Nahrung verfügbar ist (ggf. durch Zufüttern). Erreicht ein Jungigel das für den Winterschlaf ausreichende Gewicht (500 g) jedoch erst nach Wintereinbruch, muss man mit dem Aussetzen bis zum Frühjahr warten und ihm trotzdem unbedingt Gelegenheit zum Winterschlaf geben. Dazu stellt man sein Gehege z. B. in ein kaltes Zimmer, in ein Gartenhäuschen oder den entsprechenden Außenbereich einer Tierarztpraxis (Kellerräume sind meist zu warm). Die Temperatur sollte dabei der Außentemperatur entsprechen, sonst fällt der Igel lediglich in einen kräftezehrenden „Dämmerschlaf“. Bei bereitgestelltem Wasser und Trockenfutter sollte das Stacheltier bis Frühjahrsbeginn winterschlafen – manchmal mit Pausen, denn Igel schlafen nicht immer durch, sie wachen hin und wieder kurz auf. Zur Kontrolle des Pfleglings klebt man vor das Schlafhäuschen ein Stück Toilettenpapier, so kann man sofort sehen, wenn der Igel das Schlafnest verlassen hat.

Auswilderung

Der Igel erwacht in März oder April mit „schlotterndem“ Stachelkleid, d.h. er muss vor der Auswilderung wieder aufgefüttert werden, bis er das Gewicht erreicht hat, mit dem er in den Winterschlaf ging. Wenn im Frühjahr die Nahrungstiere wieder verfügbar sind (spätestens Mitte Mai), soll der gesunde Igel – möglichst am Fundort – in der Abenddämmerung in die Natur entlassen werden. Am besten erfolgt die Freilassung durch die Finder, die man vor Übergabe genau instruiert. Eine kurze Zeit der Zufütterung draußen erleichtert dem Igel den Start in die Freiheit.

 

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:
"Igel gefunden, was nun? – Erstmaßnahmen, Pflege und Auswilderung". team.konkret 2014; 10(03): 11 - 13. DOI: 10.1055/s-0033-1359401.

Ulli Seewald war 1. Vorsitzende des Pro Igel e.V. und gehört zur Redaktion des "Igel-Bulletin".

Der Originalartikel "Igel gefunden, was nun? – Erstmaßnahmen, Pflege und Auswilderung" erschien in der team konkret.