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Vet-NewsWie beeinflussen niedliche Tiere unser Verhalten?

Ermolaeva Olga/stock.adobe.com

Niedliche Gesichter verändern die Signalverarbeitung im Gehirn und beruhigen sogar die Hände. Sie machen Menschen aber auch manipulierbar.

Gerade für Chirurg*innen ist es wichtig eine ruhige Hand zu bewahren, das kann mitunter auch für die besten Tierärzte eine ziemliche Herausforderung sein. Dabei lässt sich die Feinmotorik womöglich mit einem simplen Trick entscheidend verbessern: Dazu muss man sich bloß vor dem chirurgischen Eingriff Fotos von Hundewelpen oder jungen Kätzchen ansehen.

Süße Tierbabys verbessern den OP-Verfolg

In diese Richtung deuten zumindest die Ergebnisse eines Experiments, das die US-Wissenschaftler Gary Sherman, Jonathan Haidt und James Coan vor einigen Jahren durchgeführt haben. Darin spielten Männer und Frauen zunächst eine Runde »Doktor Bibber« und bekamen danach Bilder süßer Tierbabys gezeigt. In einem zweiten Durchgang operierten sie daraufhin deutlich erfolgreicher. Waren auf den Fotos hingegen ausgewachsene Hunde und Katzen zu sehen, verbesserten sich die Versuchspersonen anschließend kaum.

Doch warum lässt der Anblick tapsiger Jungtiere Menschen präziser mit der Pinzette hantieren? Sherman und seine Kollegen vermuten, dass die Fotos den »Kümmerinstinkt« ansprechen. Gleichzeitig machen sie vorsichtiger, so dass man sich tatsächlich besser um ein zerbrechliches Wesen kümmern kann. »Die Zärtlichkeit, die durch etwas Niedliches ausgelöst wird, ist mehr als nur ein positiver Gefühlszustand«, schreiben die Forscher. »Sie kann Menschen buchstäblich zarter in ihren körperlichen Bewegungen machen.«

Das Kindchenschema

Die Ergebnisse passen damit zu einer These, die der Verhaltensforscher und spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz bereits in den 1940er Jahren aufgestellt hatte. Ihm war aufgefallen, dass viele Jungtiere charakteristische Eigenschaften aufweisen: eine kleine Stupsnase, ein rundliches Gesicht, große Augen, unbeholfene Bewegungen. Lorenz prägte für diese Merkmale den Begriff »Kindchenschema«. Er vermutete, dass sie bei erwachsenen Tieren instinktiv fürsorgliches Verhalten auslösen. »Babys, insbesondere die von Menschen, könnten ohne Unterstützung nicht überleben«, erklärt Peter Bos, Verhaltensforscher an der Universität Leiden. »Ein Mechanismus, der Erwachsene zur Fürsorge motiviert, ist für sie daher immens wichtig.«

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Befunden, die diese Interpretation stützen. So legten in einer 2001 erschienenen Studie Säuglinge auf einer Frühgeborenen-Station umso mehr an Gewicht zu, je süßer sie waren – möglicherweise, weil die Pflegerinnen und Pfleger besser für sie sorgten (repliziert wurden diese Ergebnisse bislang jedoch nicht). Vor eine hypothetische Adoptionsentscheidung gestellt, bevorzugen Versuchspersonen zudem regelmäßig niedliche Kinder gegenüber weniger niedlichen.

In eine ähnliche Richtung deuten die Ergebnisse des Sozialpsychologen Janek Lobmaier von der Universität Bern: Er zeigte Frauen zwei Varianten eines Kleinkindgesichts. Eine davon hatte er zuvor am Computer nach den Prinzipien des Kindchenschemas niedlicher gemacht, die andere etwas weniger niedlich. Die Teilnehmerinnen sollten nun angeben, welches der Kinder sie lieber babysitten würden. Die meisten von ihnen entschieden sich für das süßere der beiden. »Die Natur hat es offenbar so eingerichtet, dass wir auf Niedlichkeitsmerkmale besonders abfahren und uns um ein kleines, hilfsbedürftiges Wesen besonders kümmern«, sagt Lobmaier.

Süß ist vor allem, wer Hilfe braucht

Und was, wenn das kleine Wesen gar nicht so hilfsbedürftig ist? Sondern schon so fertig das Licht der Welt erblickt, dass es kaum auf die Brutpflege der Eltern angewiesen ist und auch nicht darauf zählen kann? Sind die Nachkommen solcher Tiere ebenfalls süß, obwohl sie doch gar nichts davon haben?

Der US-Psychologe Daniel Kruger ist dieser Frage vor einigen Jahren nachgegangen. Er zeigte Studierenden Bilder verschiedener Vögel und Reptilien. Die Versuchspersonen sollten angeben, wie niedlich sie die abgebildeten Arten fanden. Ergebnis: Jungtiere, die nach dem Schlüpfen auf sich gestellt sind, wurden in der Regel als weniger süß bewertet. »Das Kindchenschema tritt vor allem bei Tierarten auf, deren Nachwuchs auf Brutpflege angewiesen ist«, bestätigt Janek Lobmaier. »Bei Nestflüchtern, die direkt nach der Geburt selbstständig werden, finden sich diese Merkmale dagegen nicht.«

Stärkere Reaktion bei jungen Frauen

Frauen scheinen auf Stupsnäschen, Kulleraugen und rundliche Wangen im Durchschnitt sensibler zu reagieren als Männer. Der Neuropsychologe Reiner Sprengelmeyer von der Universität im schottischen St Andrews hat dazu bereits im Jahr 2009 ein einfaches Experiment durchgeführt.  Die getesteten Frauen taten sich stets erheblich leichter damit, das süßere Gesicht zu identifizieren als männliche Versuchspersonen. Interessanterweise verschwanden jenseits der 50 die Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Kleinkinder und Tierbabys auf Platz 1 im weltweiten Ranking

Der Psychologe Hiroshi Nittono von der Universität Osaka hat 2021 zudem untersucht, was Menschen in den USA, Israel und Japan unter Niedlichkeit verstehen.  Im Großen und Ganzen sind sich die drei Kulturkreise einig in der Frage, was sie süß finden und was nicht: Kleinkinder und Tierbabys landeten bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf den vordersten Plätzen.


Quelle (nach Angaben von):

Spektrum.de (18.04.2022). Der Knuddelfaktor. Im Internet: Der Knuddelfaktor: Was wir niedlich finden und warum - Spektrum der Wissenschaft. 04.05.2022