Georg Thieme Verlag KG
Vet

Suchergebnisse zur Ihrer letzten Suchanfrage

AnästhesiemanagementAnästhesie und perioperatives Management bei Toy-Hunden

flying dog - Bolonka Zwetna Mix - Sony Alpha 6400
Kai/stock.adobe.com

Wesentliches Merkmal der Toy-Hunde ist ihre sehr geringe Körpermasse, welche eine große Herausforderung für die Anästhesie darstellt. Hier finden Sie alle notwendigen Maßnahmen sowie phänotypische Besonderheiten bei einer Anästhesie dieser Kleinsthunde.


Was ist ein Toy- oder Teacup-Hund?
Herausforderungen bei der Anästhesie
5 Phänotypische Besonderheiten
Fazit

 

In den letzten Jahren hat die Vorstellung von Hunden, die nur wenige Kilogramm schwer sind, in Tierarztpraxen zumindest subjektiv stark zugenommen. Aufgezeigt werden die bei einer Anästhesie aufgrund der geringen Körpermasse notwendigen Maßnahmen sowie phänotypische Besonderheiten dieser Kleinsthunde.


Was ist ein Toy- oder Teacup-Hund?

Für Toy- oder Teacup-Hunde gibt es keine klare Definition. Als Toy-Hunde werden häufig Tiere bezeichnet, deren Körpergewicht nicht mehr als 2,5 kg beträgt. Es handelt sich nicht um eine Rasse, sondern um spezielle Züchtungen innerhalb verschiedener Rassen. Nach Erfahrung der Autoren werden am häufigsten Kleinsthunde der Rassen Chihuahua, Bolonka Zwetna, Deutscher Zwergspitz, Malteser, (Biewer-)Yorkshire Terrier, Shi Tzu und Zwergpudel vorgestellt.

Zuchtziel sind Hunde mit möglichst geringer Körpermasse und großen Augen, wie sie von Stars aus Fernsehen oder Social Media gern medienwirksam präsentiert werden. Um dies zu erreichen, werden über Generationen jeweils die schwächsten und kleinsten Hunde verschiedener Würfe miteinander verpaart.

Die Zucht solcher Tiere wird von seriösen Zuchtverbänden im Allgemeinen abgelehnt, daher sind die Züchter häufig nicht Mitglied eines großen Zuchtverbands, sodass die Zahlen des Verbands für das Hundewesen (VDH) diese Entwicklung nicht widerspiegeln. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Hunde nicht nach den geltenden Rassestandards gezüchtet werden. Zu beobachten sind bei diesen Phänotypen Krankheiten, die neben der sehr geringen Körpermasse eine Herausforderung für die Anästhesie darstellen.

Grundvoraussetzung für eine sichere Anästhesie dieser Tiere ist ein auf den Leitlinien für die Anästhesie von Hund und Katze aufbauendes Narkosemanagement [1]. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, da bei Hunden mit einem Körpergewicht von unter 5 kg das Anästhesierisiko um das 7,7-fache höher ist als bei Hunden mit einem Gewicht von 5–15 kg [2].


Herausforderungen bei der Anästhesie

Anbringen von Überwachungsgeräten

Soll der Patient optimal überwacht werden, besteht bei so kleinen Hunden ein erhebliches Platzproblem. Elektroden für die Elektrokardiografie (EKG), die Manschette für nicht-invasive Blutdruckmessung, Temperatursonde (rektal oder oesophageal) und der Sensor des Pulsoxymeters müssen so platziert werden, dass der eigentliche (chirurgische) Eingriff nicht behindert wird (Abb. 1). Dazu kommt das Setzen eines intravenösen Katheters, der Anschluss des Infusionsschlauchs mit 3-Wege- Hahn und evtl. ergänzenden Dauertropfinfusionen an den Katheter.

Infusion

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.

Medikamentendosierung

Die Konzentration der meisten Anästhetika ist zu hoch, um sie bei geringer Körpermasse exakt dosieren zu können. Bei jeglicher Medikation, z. B. im Rahmen der Prämedikation oder der Narkoseeinleitung, müssen Fertigpräparate deshalb verdünnt werden, um die benötigte Dosis pro Kilogramm Körpergewicht verabreichen zu können.
 

Hypothermie

Unter einer Hypothermie wird in der Humanmedizin ein Absinken der Körperkerntemperatur auf unter 36 °C verstanden [4], übertragen auf unsere Patienten bedeutet das einen Wärmeverlust um 1 °C unter die physiologische Körpertemperatur.

Hypothermie ist mit vielerlei pathophysiologischen Konsequenzen verbunden, so steigt z. B. die Gefahr von kardialen Ereignissen wie Rhythmusstörungen und Wundheilungsstörungen, die Aufwachphase verlängert sich durch die herabgesetzte Metabolisierungsrate, der Sauerstoffbedarf steigt durch postoperatives Kältezittern erheblich [5, 6].

Hypothermie sollte mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vermieden werden.

Gerade bei kleinen Patienten sinkt die Körpertemperatur besonders schnell, da sie ein ungünstiges Verhältnis von Körpermasse (klein) zu Körperoberfläche (groß) besitzen und so besonders viel Wärme abgeben. Isolierende Luftpolsterfolien und wärmereflektierende Rettungsdecken können den Wärmeverlust begrenzen [7], in der Regel ist aber eine aktive Wärmetherapie notwendig. Hilfreich sind hier insbesondere Geräte zur Warmlufttherapie in Kombination mit speziellen Warmluftmatten.

Weitere Möglichkeiten sind präanästhetisches Vorwärmen (pre-warming), Anwärmen von Infusionslösungen [8] und elektrische Heizmatten (Cave: weniger effizient, außerdem: Verbrennungsgefahr) [9].

 

Hypoglykämie

Unter Hypoglykämie wird je nach Labor ein Blutzuckerspiegel von < 60mg/dl bzw. 3,3mmol/l verstanden. Hypoglykämie kann zu Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen und einer verlängerten Aufwachphase führen. Sehr kleine Patienten haben nur eine geringe Speicherkapazität und können daher sehr schnell hypoglykämisch werden. Aus diesem Grund sollten perioperativ Glukosewerte in regelmäßigen Abständen gemessen, gegebenenfalls sollte Glukose substituiert werden.

 

Anästhesiegerät

Heutzutage werden in Kleintierpraxen häufig Anästhesiegeräte verwendet, die aus der Humanmedizin stammen und deshalb für Kleinstpatienten nicht optimal geeignet sind: So ist z. B. die Spontanatmung ohne Rückatmung von CO2 häufig nur mithilfe von Nichtrückatemsystemen (= halb offenes System) möglich, zusätzlich sind die Einstellungsmöglichkeiten für Beatmungsdruck bzw. Atemzugvolumen bei maschineller Beatmung ungenau und eingeschränkt.

Zur Reduzierung des Totraums sollte der Endotrachealtubus auf die minimal notwendige Länge gekürzt werden, auf die Verwendung von Winkelstücken und Adaptern zwischen Y-Stück und Tubus sollte verzichtet werden. Es empfiehlt sich die Verwendung von sogenannten Low-dead-space- Kapnografie-Adaptern (Abb. 6) am Tubus, die nur ein geringes Volumen haben und so die Rückatmung von CO2 minimieren. Diese ermöglichen die für die Überwachung notwendige Probenentnahme ohne ein zusätzliches Zwischenstück.

 

5 Phänotypische Besonderheiten

Im Rahmen dieser Übersichtsarbeit ist es nicht möglich, auf alle Erkrankungen dieser Hunde und deren perioperatives Management detailliert einzugehen. Im Folgenden soll zumindest ein Überblick gegeben werden, für das tiefergehende Studium wird die aktuelle Literatur empfohlen.

 

Brachyzephales obstruktives Atemwegssyndrom (BOAS)

Die primären und sekundären anatomischen Veränderungen durch die angezüchtete Brachyzephalie schließen verengte Nasenlöcher, eine durch hypertrophe Conchen erschwerte Luftpassage durch die Nase, ein zu langes und verdicktes Gaumensegel, eine zu lange Zunge und einen deformierten Kehlkopf ein. Diese führen zu Dyspnoe und erhöhter Atemarbeit und insgesamt zu einer geringeren Stresstoleranz bis hin zu Zyanose und Kollaps bereits bei normaler Belastung [10]. Auch gastrointestinale Probleme wie Erbrechen, Regurgitieren und Aspiration nach der Anästhesie resultieren daraus, hier ist eine frühzeitige Therapie mit H2-Blockern, Antiemetika und Prokinetika hilfreich [11].

Eine präanästhetische intramuskuläre Sedierung reduziert Stress und Sauerstoffverbrauch und erlaubt bereits in dieser Phase, das Tier zu versorgen und zu überwachen [12].

 

Intubation bei BOAS

Die Intubation ist häufig schwierig, die Gefahr einer Aspiration durch Regurgitieren oder Würgen während der Narkoseeinleitung und in der Aufwachphase ist erhöht. Die Temperaturregulation ist aufgrund der massiv verkleinerten Schleimhautoberfläche in der Nase eingeschränkt, sodass diese Patienten in Notfallsituationen schnell hypertherm werden können. Zudem besitzen Kleinsthunde eine geringe kardiale und respiratorische Leistungsreserve.
Wichtig sind deshalb ein lückenloses Monitoring mit regelmäßiger Temperaturkontrolle und das dazugehörige Management (aktives Wärmen oder aktives Kühlen). Eine frühzeitige kontinuierliche Sauerstoffsubstitution und eine zügige Intubation nach der Einleitung helfen bei der Vermeidung von Hypoxämie und Hyperkapnie.

 

Zahnstatus

Häufig kann man in der Maulhöhle von Jungtieren das Vorkommen von persistierenden Milchzähnen diagnostizieren. Diese Milchzähne sollten in Allgemeinanästhesie vorsichtig extrahiert werden, um Folgen wie die Entstehung von dentaler Plaque, Zahnstein, Gingivitiden, Parodontitiden und Malokklusionen zu verhindern [13].

Jungtiere wiegen häufig weniger als 1000 g, woraus sich potenzielle Versorgungsprobleme ergeben: Der Endotrachealtubus engt den Spielraum für den Chirurgen/Dentisten ein und die kontinuierliche Überwachung mittels der Pulsoxymetrie wird eine Herausforderung. Zudem ist das Temperaturmanagement gerade bei langen Eingriffen besonders wichtig. Die Lokalanästhesie ist häufig aufgrund der Größe und der maximalen Menge der zu verwendenden Lokalanästhetika etwas schwieriger.

 

Kongenitale Herzerkrankungen

Die am häufigsten diagnostizierte Klappenerkrankung beim Hund ist die Mitralklappeninsuffizienz [14], wobei diese überwiegend bei kleinen Hunden vorkommt [15]. Zusätzlich sind Kleinsthunde aufgrund der geringen kardialen Leistungsreserven während der Anästhesie besonders gefährdet.

Toy-Hunde sollten präanästhetisch gezielt kardiologisch untersucht werden, wobei nach klinischer Untersuchung, Auskultation, EKG und Thoraxröntgen die Echokardiografie das Mittel der Wahl darstellt.

Betroffene Patienten sollten vor der Anästhesie medikamentös eingestellt werden. Es sollten Anästhesieprotokolle verwendet werden, die individuell auf den Zustand des Patienten maßgeschneidert werden und möglichst schonend auf das Herz-Kreislauf-System wirken: Effekte wie z. B. positive Inotropie und milde Vasodilatation sind in der Regel hilfreich, Vasokonstriktion und Bradykardie sind dagegen eher weniger hilfreich oder sogar schädlich [16].
Auch das perioperative Management wie Infusions- und Temperaturmanagement ist dem Patienten anzupassen. Eine lückenlose Überwachung ermöglicht es, Probleme und Komplikationen frühzeitig zu erkennen und hier gegenzusteuern.

 

Trachealkollaps

Der Trachealkollaps wird durch eine Schwäche der Luftröhrenknorpel (Chondromalazie) hervorgerufen. Durch diese Schwäche wird die Luftröhre dorsoventral zusammengedrückt und so ihr Querschnitt verringert. Folge ist ein erhöhter Atemwiderstand. Zu beobachten ist eine Rasseprädisposition insbesondere beim Yorkshire Terrier.

Die Intubation sollte vorsichtig erfolgen, dabei ist auf eine gute Ventilation und Oxygenierung zu achten, gegebenenfalls sollte mit einer kontinuierlichen positiven Druckbeatmung unterstützt werden. Insbesondere in der Aufwachphase und nach der Extubation müssen gefährdete Patienten gut überwacht werden, um eventuell bei Dyspnoe den Atemweg sichern zu können. Eine postoperative Sedierung für eine ruhige, kontrollierte Aufwachphase scheint sinnvoll zu sein.

 

Fazit

Die geringe Körpermasse von Kleinsthunden stellt eine besondere Herausforderung für die adäquate Versorgung insbesondere während eines chirurgischen Eingriffs unter Allgemeinanästhesie dar. Besonderes Augenmerk muss vor allem bei Anamnese, klinischer Untersuchung und weiterführender Diagnostik auf die mit der Züchtung assoziierten Besonderheiten gelegt werden, die zum Teil damit in Zusammenhang stehen, dass der Fokus der Zucht auf einer möglichst geringen Größe des Tieres liegt.
Eine erhöhte perioperative Mortalität von Kleinsthunden ist erwiesen [2] und muss mit den Besitzer* innen präoperativ diskutiert werden.
Durch kontinuierliche und umfangreiche Überwachung, die Wahl eines geeigneten und individuell angepassten Anästhesieprotokolls und besonderes Engagement in Bezug auf das perioperative Management können Komplikationen frühzeitig erkannt und möglicherweise vermieden werden.

 

Literatur:

Zu den Literaturangaben
 

 

Dr. Olaf Gensen ist Fachtierarzt für Klein- und Heimtiere.

Priv.-Doz. Dr. Eva Eberspächer-Schweda ist Fachtierärztin für Versuchstierkunde. Sie ist Autorin des Buches "AnästhesieSkills".

Der Originalartikel „Anästhesie und perioperatives Management bei Toy-Hunden“ erschien im Kompendium Kleintier 2021, das unter anderem eine Beilage der Kleintier konkret ist.