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Hund und KatzeBarfen – alle wichtigen Infos auf einen Blick

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Die Fütterung von rohem Fleisch erfreut sich unter Tierbesitzern großer Beliebtheit. Das sogenannte Barfen soll beim Hund die Ernährung von Wölfen imitieren. Doch besonders aus tierärztlicher Sicht ist diese Art von Fütterung kritisch zu betrachten und sollte gut geplant und individuell an das jeweilige Tier angepasst werden.

Inhaltsverzeichnis

Ursprünglich stand der Begriff BARF für „Born Again Raw Feeders“ (wiedergeborene Rohfütterer). Dieser wurde dann in „Bone and Raw Feeding“ (Fütterung von Knochen und Rohem) umgemünzt. Eingedeutscht wird BARF als Abkürzung für „Biologisch-Artgerechte Rohfütterung“ verwendet.

Definition BARF

Eine „klassische“ BARF-Ration besteht aus Fleisch und Innereien, Knochen, Gemüse, Obst und Öl. Bei Hunden wird empfohlen, als Gesamtfuttermenge (Frischsubstanz) 2–3% des Körpergewichts des jeweiligen Tieres pro Tag zu verfüttern. Es sollten 70–80% der Gesamtfuttermenge aus Fleisch und fleischigen Knochen, und 20–30% der Ration aus Gemüse und Obst bestehen. In vielen BARF-Rationen enthalten ist der grüne (ungereinigte) Pansen, Kopf- und Schlundfleisch, Trachea, Lunge und Leber. Als Zusätze werden von den Besitzern gerne Kräuter(-Mischungen), Seealgenmehl, Pflanzen- und Fischöl und diverse kommerziell erhältliche BARF-Zusätze in sehr unterschiedlicher Zusammensetzung und Menge gegeben. Inzwischen gibt es auch zahlreiche kommerziell vertriebene BARF-Produkte meistens gewolfte Tiefkühlprodukte, auf die die meisten barfenden Hundebesitzer zurückgreifen.

BARF-Vorteile

Hundebesitzer halten die Verfütterung von rohem Fleisch für „gesünder“, „natürlicher“ und „artgerechter“, da sich diese Fütterungsweise an der Ernährung von Wölfen orientiert. Außerdem wird bei kranken Tieren oft versucht, über eine Umstellung der Ernährung pauschal Krankheitssymptome zu mildern oder ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Zudem betrachten die Tierbesitzer es als großen Vorteil, dass sie wissen und sehen können, was in der Ration enthalten ist. Dies gilt jedoch nur für diejenigen Bestandteile einer Ration, die vom Besitzer im ursprünglichen Zustand makroskopisch geprüft werden können. Die Bestandteile in den kommerziell vertriebenen Paketen mit gewolften (durch den Fleischwolf gedrehten) tierischen Nebenerzeugnissen in gefrorenen Blöcken sind mit bloßem Auge in der Regel nicht mehr sicher zu identifizieren, geschweige denn einer bestimmten Tierspezies zuzuordnen. Als weiterer Vorteil wird angeführt, dass Hunde bei selbst zusammengestellten Rationen mit größeren Stücken (z. B. ganzen Knochen oder größeren Teilen von Pansen) mit der Futteraufnahme länger beschäftigt sind als bei der Gabe von kommerziellem Feucht- oder Trockenfutter, was jedoch bei gewolften Produkten nicht zutrifft. Barfende Hundebesitzer führen als weiteren Pluspunkt immer die Zahnpflege durch das Benagen von Knochen an. Studien zu diesem Thema sind jedoch widersprüchlich. In 2 Studien gibt es Hinweise, dass die Gabe von nicht kommerziellem Hundefutter an die laktierende Hündin bzw. an die Welpen bis zum 6. Lebensmonat das Risiko, an caniner Atopie zu erkranken, verringern kann.

BARF-Indikationen

Bei bestimmten Erkrankungen, wie z. B. Futtermittelallergien, können Proteine in Form von Muskelfleisch und Innereien einer bestimmten Tierart, z. B. Schaf, verfüttert werden und somit durch Vermeidung der allergieauslösenden Proteinart das Krankheitsbild deutlich verbessern. Auch Diabetiker können mit BARF-Rationen adäquat ernährt werden, da der Kohlenhydratgehalt in klassischen BARF-Rationen sehr gering ist.

Kontraindikationen

Ungeeignet hingegen sind die klassischen BARF-Rationen mit ihrem hohen Proteingehalt für Tiere mit Leberproblemen oder Nierenerkrankungen, da dies zu einer Mehrbelastung dieser Organe und evtl. zu deren komplettem Versagen führen kann. Hunde, die an Leishmaniose leiden und Allopurinol erhalten, sollten mit einer purinarmen Ration ernährt werden – BARF-Rationen sind dafür zu purinhaltig und ungeeignet, ebenso wie Zusätze von Seealgen und Bierhefe. Bei Veranlagung kann bei Knochenfütterung infolge zu hoher Kalzium- und Phosphorzufuhr auch die Bildung von Blasensteinen induziert werden. Wenn Tiere Kortikosteroide.

Merke

Beim Füttern von BARF-Rationen sind ein professionell errechneter Futterplan und ein genaues Abwiegen der einzelnen Futterkomponenten der Schlüssel zum Erfolg. Nur mal eben roh und bunt losfüttern kann schwerwiegende (Langzeit-)Schäden hervorrufen.

Typische BARF-Fehler

Das Risiko einer Unter- oder Überversorgung mit bestimmten Nährstoff en ist bei einer von Laien zusammengestellten Ration sehr hoch. Wenn man die klassischen BARF-Rationen, die in vielen von Laien geschriebenen Büchern und im Internet zu finden sind, einer Rationsüberprüfung mittels Rechenprogramm unter Heranziehung wissenschaftlich anerkannter Bedarfswerte unterzieht, sind bei den meisten Rationen signifikante Mängel festzustellen. Bestimmte Futtermittel bringen bestimmte Nährstoff e mehr oder weniger reichlich mit. So ist z. B. Jod nur ausreichend in der Ration enthalten, wenn entsprechende Mengen Seefisch, Seealgen oder ein entsprechendes Ergänzungspräparat verfüttert werden. Zu viele Nährstoffe schaden jedoch auch – was aber für Tierbesitzer oft nicht zu erkennen ist, weil der exakte Nährstoffgehalt oft bei vielen sog. BARF-Zusätzen nicht deklariert ist. Bei den meisten selbst zusammengestellten BARF-Rationen sind signifikante.

Imbalanzen im Ca:P-Verhältnis sowie beim Gehalt an Kalzium, den Vitaminen A, D und E , sowie insbesondere eine deutliche Unterversorgung bezüglich der Spurenelemente Kupfer, Zink und Jod festzustellen. Jedoch auch kommerzielle BARF-Pakete, die als „Komplettmenüs“ oder „Alleinfutter“ deklariert waren, wiesen bei Untersuchungen erhebliche Mängel auf.

Knochen

Knochenstücke können zu Verlegungen oder sogar Perforationen von Oesophagus, Magen und Darm führen und auch Zahnfrakturen verursachen. Bei empfindlichen Hunden oder zu großen Knochenmengen kommt es häufig zu sog. Knochenkot mit Schmerzen beim Kotabsatz oder Obstipationen. Durch den hohen Kalziumgehalt von Knochen kann bei regelmäßiger und übermäßiger Verfütterung ein massiver Kalziumüberschuss in der Ration entstehen, wodurch bei Welpen Skelettprobleme verursacht werden können. Bei erwachsenen Hunden begünstigt eine solche Knochenfütterung nach eigenen empirischen Erfahrungen Blasensteine. Wenn Besitzer jedoch ganz auf Knochen oder den Zusatz von Knochenmehl bei selbst zusammengestellten Rationen verzichten, kann es zu einem nutritiv bedingten sekundären Hyperparathyreoidismus kommen, bei dem eine Überfunktion der Nebenschilddrüse zur Herauslösung von Kalzium aus dem Knochen führt.

Eiweiß

Die beim BARF zugeführte Proteinmenge liegt aufgrund des hohen Fleischanteils meistens mehr als 200% über dem Bedarf. Während beim Menschen zahlreiche Studien belegen, dass eine fleischarme bzw. vegetarische Ernährung die Tumorinzidenz beim Menschen senkt, existiert bei Hunden nur eine Studie, die ein höheres Mammatumorrisiko bei Verfütterung einer selbst zusammengestellten Ration im Vergleich zu kommerziellem Hundefutter feststellt. Durch den hohen Proteinanteil siedeln sich im Darm des Hundes bevorzugt proteolytische (eiweißspaltende) Keime wie Clostridium spp. an, die häufig auch an Durchfallerkrankungen maßgeblich beteiligt sind. Hohe Proteingehalte sind zudem für Hunde, die an Nierenerkrankungen, Leberkrankheiten, Blasensteinen oder Leishmaniose leiden, unzuträglich.

Ansteckung

Prinzipiell können potenziell pathogene Bakterien, insbesondere Salmonella spp., Campylobacter spp., E. coli, Yersina spp. u. v. m. durch rohes Fleisch auf den Hund und/oder den Halter übertragen werden. In Einzelfällen können Hunde auch an Botulismus erkranken und verenden. In einer amerikanischen Untersuchung konnten in 80% der untersuchten und kommerziell erhältlichen BARF-Produkte und bei 30% der Kotproben gebarfter Hunde Salmonellen nachgewiesen werden.

Generell ist die Keimbelastung bei handelsüblichen BARF-Paketen auch in Deutschland hoch, wie eine Studie der Universität München zeigte: von 15 BARF-Paketen, die von Internetshops erworben wurden, enthielten 14 mehr als 5 × 10 5 KBE (koloniebildende Einheiten) /g, das sind > 50000 Bakterien pro Gramm Fleisch, wovon 1,0 × 10² bis 6,7 × 105 KBE Enterobacteriaceae/g (Darmbakterien) sind. Dass durch rohes Schweinefleisch das Suine Herpesvirus 1, der Erreger der Aujeszkyschen Krankheit, auf Hunde übertragen und die sog. „Pseudowut“ mit tödlichem Ausgang verursacht werden kann, hat sich bei den meisten Hundehaltern herumgesprochen, sodass diese Fleischsorte gemieden wird.

Auch Parasiten wie beispielsweise Toxoplasma gondii, Neospora caninum, Sarcocystis spp., Cryptosporidia spp., Echinococcus granulosus und E.multilocularis, Trichinella spiralis und Diphyllobothrium latum können über rohes Fleisch den Hund infizieren und besitzen teilweise zoonotisches Potenzial (Ansteckung für den Menschen).

Merke

Infektionen von Tier und Mensch mit Bakterien und Parasiten können durch mangelnde Hygiene bei der Zubereitung von BARF-Rationen auftreten. Zu einer professionellen Beratung gehören daher auch Tipps zur Vermeidung von Ansteckung und der Hinweis, dass Schwangere und immungeschwächte Personen kein rohes Fleisch zubereiten sollten.


BARF-Beratung

Eine professionelle Rationsüberprüfung bzw. die Erstellung einer BARF-Ration durch einen Fachmann, d.h. einem Tierarzt mit Fachtierarztbezeichnung „Tierernährung“ oder Zusatzbezeichnung „Ernährungsberatung“ ist in jedem Fall anzuraten, damit Fehler in der Ernährung vermieden werden. Das sog. „BARF-Profil“ im Labor ist nur teilweise sinnvoll, da der Organismus des Hundes für viele Nährstoffe Reserven im Körper anlegt (z. B. Kupfer in der Leber) und der Blutspiegel möglichst lange konstant gehalten wird, bis es zur Erschöpfung der Vorräte im Körper kommt. Daher kann für den Besitzer scheinbar alles in Ordnung sein, auch wenn bereits ein Mangel vorliegt. Manche Blutparameter, wie z.B. Kalzium, bei dem besonders häufig Imbalanzen in der Ration vorliegen, werden durch die Fütterung nicht beeinflusst. Der Blutspiegel hat daher keinen Aussagewert, ob die Kalziumzufuhr über die Nahrung adäquat ist oder nicht. Eine Rationsüberprüfung ist in diesem Fall dem BARF-Profil deutlich überlegen, da eine Unter- oder Überversorgung sehr leicht rechnerisch festgestellt werden kann.

Ein wichtiger Punkt, auf den die TFA eingehen sollte, ist die Einhaltung von hygienischen Maßnahmen bei der Rationszubereitung, da es sich um rohes Fleisch handelt, das Infektionserreger aufweisen kann. So sollte das BARF-Fleisch nicht neben Lebensmitteln, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, gelagert werden und peinlichste Hygiene beim Umgang mit dem Fleisch eingehalten werden.

Hund gleich Wolf?

Der Vergleich von domestizierten Hunden mit Wölfen ist generell problematisch, da sich während der Domestikation des Hundes anatomische und physiologische Unterschiede entwickelt haben, wie z. B. die unterschiedliche Frequenz und die Menge bei der Futteraufnahme, sowie die Anpassung der Hunde im Laufe der Domestikation an die stärkereiche Nahrung des Menschen und die dementsprechend gute Verwertbarkeit von Stärke durch den Hund. Zudem bevorzugen bei freier Auswahl die meisten Hunde einer Studie nach gekochtes Fleisch gegenüber rohem Fleisch, wahrscheinlich auch Ausdruck der Anpassung an das Zusammenleben mit Menschen.

Merke

Der Hund hat sich nicht nur äußerlich, sondern auch in seinem Inneren im Laufe der Domestikation dem Menschen und seiner Ernährung angepasst. Hundeernährung, die für Wölfe gestaltet ist, kann daher massive (Verdauungs-)Probleme auslösen und ist gerade bei Welpen sehr kritisch zu beurteilen!


Es ist zudem ein Mythos, dass Wölfe den Magen samt Inhalt fressen – typisch für einen Wolfsriss ist der Verbleib des Pansens im Rest des erlegten Tierkörpers. Zudem entsprechen etwas Muskelfleisch, ein oder zwei Innereien und ein paar Knochen plus etwas Gemüse in der Zusammenstellung einer Ration durch den Besitzer nicht einem Ganzkörper-Wolfs-Mahl inklusive Gehirn, Fell, Haut, Klauen, Darminhalt etc. Ein Wolf nimmt aufgrund der hohen körperlichen Aktivität 10–21% seines Körpergewichtes pro Tag an Nahrung auf und damit auch bis zu 10 × mehr Nährstoffe als ein vergleichbar schwerer Hund. Nicht zuletzt erreichen viele Wölfe nicht einmal das zweite Lebensjahr und die Lebensdauer erwachsener Wölfe wird je nach Literatur mit 5–7 Jahren angegeben.

Fazit

Es existieren keine wissenschaftlichen Publikationen, die einen positiven Effekt der Rohfütterung im Gegensatz zur Fütterung mit kommerziellem Hundefutter belegen, wohingegen Fehler bezüglich der Nährstoff versorgung bei der Rationszusammenstellung häufig festzustellen sind. Insofern ist dem Hundebesitzer eine professionelle Rationsberechnung durch einen auf Tierernährung spezialisierten Tierarzt bei Umstellung auf BARF-Fütterung dringend anzuraten, um Schäden durch inadäquate Fütterung zu vermeiden. Bei Welpen muss bis zum 12. Lebensmonat die Ration ca. alle 8 Wochen an den veränderten Bedarf angepasst werden. Klassische BARF-Rationen sind zudem für Hunde, die an Nieren- oder Lebererkrankungen, Leishmaniose oder Urolithiasis leiden, nicht geeignet.

Bei der Verfütterung von rohem Fleisch sollte der Tierbesitzer über die Gefahr von Übertragung von Krankheitserregern, die auf den Hund und/oder den Menschen übertragen werden können und entsprechende Hygienemaßnahmen aufgeklärt werden. Bei Hunden, die zusammen mit Kindern, Schwangeren oder immungeschwächten Personen in engem Kontakt leben, sollte von der Rohfütterung abgeraten werden.

 

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:

"Barfen – wann und wie?". team.konkret 2017; 13(01): 2 - 5. DOI: 10.1055/s-0042-123457.

Dr. Petra Kölle ist Privatdozentin, sowie Fachtierärztin für Fische mit der Zusatzbezeichnung Zierfische,
Fachtierärztin für Reptilien und besitzt die Zusatzbezeichung Ernährungsberatung. Sie arbeitet an der Medizinischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der Originalartikel "Barfen – wann und wie?" erschien 2017 in der team konkret.