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FachbeiträgeKatzenwelpen - das sollte man beachten

Müde
farbkombinat / stock.adobe.com

In jedem zweiten Haushalt lebt mindestens eine Katze, Tendenz steigend. Katzen können in der Wohnung gehalten werden, benutzen eine bereitgestellte Box als Toilette und freuen sich über Schmuseeinheiten. Doch es gibt noch mehr, was für eine gute Mensch-Katze-WG wichtig ist.

Die Beziehung von Katze und Mensch ist noch immer von zahlreichen Missverständnissen und Irrtümern geprägt, so z. B.: „Ich nehme mir eine Katze, weil ich nicht genug Zeit für einen Hund habe“, oder „Meine Katze ist so viel allein – ich nehme eine zweite dazu, dann können sie sich miteinander beschäftigen!“

Schon diese beiden Sätze zeigen, dass Katzen viel zu oft nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich brauchen und verdienen, denn: Katzen brauchen genauso viel Zeit wie Hunde – nur auf andere Art und Weise! Fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten und Mangel an Erziehung führen zu störenden Verhaltensweisen, wenn sich die Katze kreative Unterhaltung sucht. Oder sie verkümmert schließlich übergewichtig und mürrisch auf dem Sofa zur brain dead fat cat, weil ihr jegliche geistige Anregung fehlt und Fressen zur einzigen Abwechslung im faden Alltag wird.

Wer passt zu wem?

Die ersten Lebenswochen sind die wichtigste Lernphase eines Kittens und damit ist Herkunft und Auswahl einer Katze von ganz entscheidender Bedeutung. Immerhin teilt man sein Leben im besten Fall für die nächsten 20 Jahre – da darf und soll man schon gründlich prüfen, ob man gut zusammenpasst!

Ganz vereinfacht gilt: Ein Kitten sollte in einem Lebensumfeld aufwachsen, das ähnlich dem in der neuen Familie ist. Für eine Familie mit Kindern eignen sich also am besten Kitten, die schon in den ersten Lebenswochen mit Kindern aufgewachsen und an den Trubel gut gewöhnt sind. Im ruhigen Seniorenhaushalt fühlen sich hingegen unter ähnlichen Umständen aufgewachsene, weniger aktive Kitten wohl. Jungkatzen, die ausreichend freundlichen Menschenkontakt hatten, sind an neuen Menschen interessiert, sie spielen unbefangen, nehmen Kontakt auf, lassen sich hochheben und streicheln. Ganz allgemein sind Katzen umso anhänglicher und damit auch abhängiger vom Menschen, je mehr sie dafür gezüchtet und auch sozialisiert wurden.

Drinnen oder draußen?

Schlecht sozialisierte Jungkatzen, deren Eltern verwilderte Freigänger waren, eignen sich nicht wirklich für die reine Wohnungshaltung. Je weiter weg die geplanten Lebensbedingungen vom ursprünglichen Katzenverhalten sind, desto wichtiger ist es, ein für dieses Leben selektiertes Kitten zu wählen. Auch wenn sich Rassekatzen schon aufgrund der kontrollierten Zucht über viele Generationen grundsätzlich besser mit der Wohnungshaltung abfinden, müssen sie in den ersten Lebenswochen ebenso intensiv sozialisiert werden, wie jedes andere Kitten.

Aktive Katzenrassen, wie Bengalen oder orientalische Typen wie Siam, sind Katzen, die man nicht nur einfach hat, sondern mit denen man etwas tun muss ([Abb. 1]). Bei großwüchsigen Rassen wie Maine Coon, Norwegische Waldkatze oder auch Britisch Kurzhaarkatze sollte auch das Gewicht (Transport und Handling) sowie der höhere Platzbedarf für der Größe entsprechende Katzentoiletten bedacht werden

 

Kater, Katze und wie viele?

Ganz allgemein sind Kater vor allem im Umgang mit Kindern, wie auch untereinander, etwas robuster und unkomplizierter. Wenn schon absehbar ist, dass eine Katze viel allein sein wird, ist es sinnvoll, schon von Anfang an zwei Kitten miteinander aufwachsen zu lassen. Am unkompliziertesten ist es natürlich, Geschwister aufzunehmen – am besten gleichgeschlechtliche. Aber auch Kitten, die nicht miteinander verwandt sind, gewöhnen sich gut zusammen, wenn sie miteinander aufwachsen. Dennoch gibt es weder bei Geschwistern noch bei Jugendfreunden die Garantie, dass sich die innige Beziehung bis ins Erwachsenenalter hält.

Und wann?

Nach wie vor ist es üblich, Hauskatzen-Kitten schon mit rund 8 Wochen in die neue Familie zu übersiedeln. Die Kätzchen erscheinen auf den ersten Blick selbstständig, fressen allein, benutzen die Katzentoilette und spielen wild, während sich die Katzenmutter immer öfter zurückzieht und die Kleinen – manchmal sogar recht heftig – distanzieren kann. Doch für die psychische und soziale Entwicklung ist eine Trennung um die 12. – 16. Woche deutlich besser. Wichtige Voraussetzungen dafür sind allerdings ein optimales Umfeld mit innigem Kontakt zu Menschen und ausreichend Erlebnisraum für möglichst umfassendes Lernen.

Sind die Bedingungen jedoch eher suboptimal, so ist eine Adoption mit 8 Wochen ein akzeptabler Zeitpunkt. Noch jüngere Kitten sollten nur in wirklichen Notfällen von ihrer Mutter getrennt werden und möglichst mit anderen sozial kompetenten erwachsenen Katzen aufwachsen, die sie erziehen und auf die eigene Art sozialisieren.

Ausstattungs-Basics

Katzentypisches – aber oftmals unerwünschtes – Verhalten kann selbst mit der besten Erziehung nicht beseitigt werden, doch mit einer möglichst artgerechten Katzenhaltung ist es leicht, das Verhalten in die richtigen Bahnen zu lenken. Da sich Kitten sehr schnell entwickeln und schneller lernen, müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen für das Bravsein am besten vor der Anschaffung bedacht werden. So kann zum Beispiel mit attraktiven Kratzmöglichkeiten von Anfang an eine erwünschte Gewohnheit geformt werden, damit es nicht zum zerkratzten Sofa kommt.

Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Ressourcen auf, die ab dem ersten Tag nötig sind, um der Katze das Einleben und „Bravsein“ zu erleichtern:

  • Wohn-Transportbox
  • altersgerechtes Futter und Foodpuzzle
  • verschiedene Trinkgelegenheiten mit stehendem und bewegtem Wasser
  • Katzengras
  • mindestens 2 Katzentoiletten
  • mehrere Kratzmöglichkeiten
  • Klettermöglichkeiten für den Zugang in die dritte Dimension
  • weitere Ruhe- und Rückzugsorte
  • Katzenspielzeug für autonomes und interaktives Spiel

Weiterhin kann die Verkleinerung des Lebensraums auf ein Zimmer oder einen Teil der Wohnung in der Anfangszeit sinnvoll sein, denn Kitten und unsichere, erwachsene Katzen sind mit unübersichtlichem Wohnraum schnell überfordert. Ein Pheromonstecker (z. B. Feliway Classic) kann ein Ambiente von Vertrautheit und Sicherheit bereiten. Ein Handtuch und ein Lieblingsspielzeug, mit dem heimatlichen Geruch von Mutter und Geschwistern, helfen ebenfalls beim Eingewöhnen.

 

Boxen-Stopp

Für sehr ängstliche oder schlecht sozialisierte Kitten kann der vorübergehende Aufenthalt in einer großen und mit allen Notwendigkeiten eingerichteten Faltbox (ähnlich wie bei der stationären Aufnahme in der Klinik) sehr hilfreich sein. Innerhalb von 1 – 2 Tagen wird diese Faltbox zum Rückzugsraum, an dem sich die Katze beim Eingewöhnen besser und vor allem komfortabler als in den typischen Versteckwinkeln entspannen kann. Langfristig bietet diese Box in offenen Wohnräumen sicheren Rückzugsraum, in kleinen Wohnungen kann damit eine neue Raumstruktur für die Katze erschaffen werden.

Auch die Transportbox sollte von Beginn an als Wohn-Transportbox verstanden werden. Diese Box dient nicht ausschließlich dem Tierarztbesuch, sondern sollte vorrangig ein höchstpersönliches Zuhause für die Katze sein – mit dem Vorteil, dass ab nun bei jedem Ausflug das Eigenheim mit dabei ist. Der Innenraum wird am besten mit Decken oder Handtüchern gut gefüllt, sodass ein kleines Kitten nicht hin- und herrutscht sondern warm und stabil begrenzt sitzen kann.

Indem die Box immer im Wohnbereich steht und vor allem für Kitten ins Spiel integriert wird, wird sie für die Katze zum positiven Teil ihres Lebens. Kitten, die sich am Transport sehr unwohl fühlen und Angst haben, sollten sofort mit entspannenden Nahrungsergänzungen (z. B. Zylkene) unterstützt werden, um sich in kleinen Übungseinheiten an den Transport in der Box zu gewöhnen.

Futter, Wasser und ein Puzzle

Um das Risiko einer späteren Fixierung auf ein spezielles Futter oder nur eine Geschmacksrichtung zu reduzieren, sollten Kitten einen breiten Querschnitt an Futtertypen für Katzenwelpen kennenlernen. Mindestens genauso wichtig wie die altersgerechte Zusammensetzung ist allerdings auch die katzengerechte Fütterungsstrategie, denn Katzen sind Snackfresser, die bevorzugt 5 – 20 Portionen von rund 25 g über Tag und Nacht verteilt fressen, zudem ist der Magen eines Kittens sehr klein.

Während eine ad libitum Fütterung den Katzenbedürfnissen sehr entgegenkommt, ist dabei die Gefahr für Übergewicht groß! Mit sogenannten Fummelbrettern oder Foodpuzzles lernen Kitten schon von Anfang an, dass es einen gewissen Arbeits- und Zeitaufwand erfordert, ans Futter zu kommen. Die dabei gefressenen Einzelportionen bleiben klein, ein vollgefressener Kugelbauch bleibt aus und die Katze lernt, dass es Zeiten gibt, wo sie selbst verantwortlich ist (z. B. um 4 Uhr morgens).

Katzengras soll immer zur Verfügung stehen, damit die Katze gar nicht erst auf die Idee kommt, sich unter den Zimmerpflanzen nach ungeeignetem Grünzeug umzusehen. Damit Kitten das Napf-Trinken lernen, hilft es, ihnen unterschiedliche Näpfe abseits des Futterplatzes und bewegtes Wasser in einem Trinkbrunnen anzubieten.

Katzentoilette

Kitten beginnen ab dem Zeitpunkt, wo sie feste Nahrung aufnehmen, auch das Katzenklo zu benutzen und oft berichten Katzenbesitzer, wie der Zweck der bereitgestellten Toilette vom Kitten sofort erkannt wurde. Entscheidend ist jedoch, diese Gewohnheit mit einem höchst attraktiven Angebot lebenslänglich zu stabilisieren! Die ideale Katzentoilette sollte rund 50 × 70 cm (0,35 m2) groß und offen sein. Sie sollte zudem an mindestens 2 verschiedenen Orten, gefüllt mit 10 cm feingranulierter, klumpender Einstreu angeboten werden

MERKE

Die Tatsache, dass eine Katze eine Toilette benutzt bedeutet nicht, dass sie diese toll findet!

Wenn die Katzentoiletten wenig attraktiv oder die Wege zu weit sind, suchen und entdecken Katzen gerne neue Orte wie die Badematte oder Bettdecke für ihr „Geschäft“. Hier gilt: Attraktive Katzentoiletten zu bieten ist wesentlich einfacher, als eine Korrektur der fehlgelaufenen „Toilettenkultur“.

Kratz- und Klettermöglichkeiten

Kratzstellen müssen nicht als großer Kratzbaum installiert werden – für das Kratzmarkieren können sie waagrecht, senkrecht oder schräg angebracht sein. Typische Orte zum Kratzmarkieren sind in der Nähe von Schlafplätzen, Futterstellen oder Orten, wo sich aufregende Dinge ereignen, wie z. B. neben Fenstern und Türen.

Die dritte Dimension eröffnet sich einer Katze nicht nur durch Kratzbäume, sondern auch durch ganz normale Regale, Laufstege, Sitzbretter oder Säulen, an denen hochgeklettert werden kann. Ganz besonders kleine Wohnungen können als Lebensraum für Katzen extrem aufgewertet werden, wenn ihnen auch die Vertikale zugänglich gemacht wird. Auf diese Weise kann eine Wohnung mit 50 m2 und reichhaltigen senkrechten Strukturelementen wesentlich katzengerechter sein, als ein doppelt so großes modern-karg eingerichtetes Loft

Katzenspielzeug

Insbesondere der Wohnungskatze sind die meisten ihrer natürlichen Beschäftigungsmöglichkeiten genommen. Das bedeutet: Hier sind wir Menschen daher ein bisschen mehr gefordert als nur Dosen zu öffnen und Katzentoiletten sauber zu halten. Katzen sind fürs Jagen geschaffen – und wenn es nichts Richtiges zu jagen gibt, dann gilt es eben Jagd zu spielen.

MERKE

Finger und Hände dürfen niemals als Katzenspielzeug angeboten werden!

Dafür sehr gut geeignet sind an die natürliche Beute angelehnte Beuteattrappen mit Federn, Bändern, Raschel- und Pieptönen. Beim Spiel sollten diese Beuteattrappen mit gutem Abstand zu den Händen an einer Angel und das natürliche Verhalten einer Maus oder eines Schmetterlings nachahmend angeboten werden. Damit die Spannung bleibt, muss die Spielbeute regelmäßig gewechselt werden – Katzenspielzeug ist ein ähnlicher Verbrauchsartikel wie Futter und Katzenstreu!

Problembehandlung

Gut sozialisierte Kitten um die 12 Wochen kommen in ihrem neuen Heim an und sind zuhause! Bei etwas unsicheren oder ängstlichen Kitten kann das etwas länger dauern. Bleibt eine Jungkatze jedoch länger verschreckt oder gar unberührbar, ist schnelles Handeln angesagt: Je rascher eine Therapie begonnen wird, desto besser sind die Chancen für eine weitere gute Entwicklung.

Neben der Begrenzung des Lebensraums sind alle Maßnahmen wichtig, die Lernen ermöglichen. Dazu gehört vor allem, die Angst durch entspannende Nahrungsergänzungen (Zylkene, Anxitane, Relaxan, etc.), Futtermittel (z. B. Calm) und Pheromonpräparate (Feliway Classic oder Optimum) zu reduzieren. In extremen Angst-Fällen können auch verschreibungspflichtige Medikamente notwendig werden. Sobald ein Kitten aktiv spielt und entspannt frisst, kann es mit Lernspielen in den neuen Lebensabschnitt starten und das „Eis“ ist gebrochen.

Fazit

Mit der richtigen Einrichtung, einer optimalen Fütterungsstrategie und viel Spaß und Spiel gewöhnen sich Kitten meist schnell im neuen Ambiente ein. Wichtig ist, dass die Katze zum Menschen passt und der seine Aufgabe als liebevoller und fürsorglicher Wohnungsgeber ernst nimmt!

Der Originalartikel zum Nachlesen:

Schroll S. Ein Kitten kommt ins Haus! Was muss getan werden? Team konkret 2021; 17: 10-14

Sabine Schroll ist Tierärztin und hat sich auf Verhaltens- und Katzenmedizin spezialisiert.

Der Orginalartikel "Ein Kitten kommt ins Haus! Was muss getan werden?" erschien in team konkret.