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Untersuchung und begleitende MaßnahmenNotfalldiagnostik beim Kaninchen in der Kleintierpraxis

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Kaninchen werden häufig als Notfallpatienten vorgestellt. Wir zeigen Ihnen, welche Arten der Notfalldiagnostik sich an die Erstversorgung anschließen und worauf Sie dabei achten müssen!


Blutuntersuchung
Harnuntersuchung
Kotuntersuchung
Röntgen und Sonografie
Begleitende Maßnahmen
Prophylaxemöglichkeiten

 

Die Notfalldiagnostik steht nach der Stabilisierung und Erstversorgung des Patienten an zweiter Stelle.

Der Anamnese kommt gerade im Rahmen eines Notfallgeschehens eine besondere Bedeutung zu. Zwar kann der Besitzer je nach Haltungsform oftmals nur lückenhafte Informationen beisteuern, jedoch sollte durch offene Fragestellungen versucht werden, so viele Hinweise wie möglich zu erhalten. Hierzu zählen nicht nur Informationen über den Patienten selbst, sondern auch über die Partnertiere.

Die Allgemeinuntersuchung muss sorgfältig und gründlich, aber äußert vorsichtig erfolgen. Heftige Schmerzen können beim Kaninchen in ein Schockgeschehen münden; dies muss z.B. bei der Abdomenpalpation im Zusammenhang mit einer Tympanie oder einer Magendilatation oder auch bei einer prall gespannten Blase im Rahmen einer Urolithiasis berücksichtigt werden.

Nach der Allgemeinuntersuchung wird entschieden, welche weiterführenden Untersuchungen möglichst rasch erlauben, die Grundursache zu diagnostizieren, gezielt zu behandeln sowie eine Prognose zu stellen.


Blutuntersuchung

Vorteilhaft ist es, eine Blutprobe direkt in der Praxis zu untersuchen oder aber sehr zeitnah in einem externen Labor durchführen zu lassen. Mithilfe des Blutbilds können Entzündungen oder auch Anämien nachgewiesen und in ihrer Ausprägung eingeschätzt werden. Zu berücksichtigen ist dabei das lymphozytär geprägte Blutbild der Kaninchen.

Die Gesamtleukozytenzahl steigt im Fall einer Entzündung nicht oder nur in fortgeschrittenem Zustand an, so dass sie nicht als geeigneter Parameter zur Diagnose einer Entzündung eingesetzt werden kann. Vielmehr muss das Verhältnis von neutrophilen (segmentkernigen) Granulozyten zu Lymphozyten betrachtet werden. Im Falle einer Entzündung nimmt die Zahl der segmentkernigen Granulozyten prozentual und absolut deutlich zu und es entsteht eine sogenannte Pseudolinksverschiebung.

Bei den blutchemischen Parametern sind insbesondere die Organwerte von Bedeutung. Kreatinin und Harnstoff steigen zwar erst bei fortgeschrittenen Nierenveränderungen an, so dass sie eine chronische Niereninsuffizienz erst spät abbilden, sind aber im Falle einer akuten Niereninsuffizienz parallel zu einer ausgeprägten Pseudolinksverschiebung oder auch absoluten Leukozytose bereits unmittelbar deutlich erhöht.

Zur Beurteilung der Leberfunktion können GLDH, AST, ALT und gGT herangezogen werden; hierbei sind stets mindestens zwei der Parameter zu beurteilen.

Eine Hyperglykämie darf niemals isoliert betrachtet und als Nachweis für einen Diabetes mellitus angesehen werden, da unter Stress ausgeprägt hohe Glukoselevel entstehen. Hier sollte im Verdachtsfall die Bestimmung der Fruktosamine angeschlossen werden.
 

Therapieprotokoll: Akute Niereninsuffizienz

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Harnuntersuchung

Die Urinuntersuchung erlaubt z.B. rasch eine erste Aussage über schwerwiegende Entgleisungen des Stoffwechsels sowie Erkrankungen der Harnwege (Tab. 1.1).

 

Tab. 1.1 Ausgewählte Harnparameter des Kaninchens und ihre Interpretation.

Harnparameter

physiologischer Befund

Diagnostik von Abweichungen

Konsistenz und Beimengungen

flüssig und trüb (durch Kalziumkristalle)

● schleimig: Entzündungen (best. Bakterienstämme, Leukozyten)

● dickflüssig-grießig: Urolithiasis

● blutig: Entzündung, Neoplasie

● klar: bakterielle Nephritis (ANI), Azidose mit pH-Wert-Absenkung

 

pH-Wert

8-9

Absenkung: Ketoazidose, bakterielle Zystitis/Nephritis

Glukose

negativ

Glukosenachweis: Stresshyperglykämie, aber auch Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz

Ketonkörper

negativ

Nachweis von Keton: schwerwiegende Stoffwechselentgleisung

Protein

ggr. positiv

hochgradige Proteinurie: z.B. Schock, Hypertonie, Nephropathien

 

Makroskopisch sichtbare Verfärbungen sind sehr häufig auf Futterpigmente bzw. Oxidationsprozesse zurückzuführen.

 

Kotuntersuchung

Eine unmittelbare Kotuntersuchung in der Praxis ist bei Notfallpatienten mit hochgradiger Diarrhö sinnvoll, um z.B. eine Kokzidiose nachzuweisen.
 

Röntgen und Sonografie

Sowohl Röntgenaufnahmen als auch eine Ultraschalluntersuchung bedeuten weiteren Stress für den Notfallpatienten. Daher muss stets abgewogen werden, welche Informationen unmittelbar nach Erstversorgung und Stabilisierung des Patienten benötigt werden oder welche Untersuchung ggf. auf den Folgetag geschoben werden kann. Kurzfristig notwendig sind Röntgenaufnahmen vor allem bei Verdacht auf Frakturen, zur Verifizierung und Beurteilung einer Magendilatation oder zur Darstellung der Lunge.

 

 
Therapieprotokoll: Magendilatation

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Besteht der Verdacht auf eine Verletzung der Wirbelsäule oder des Rückenmarks, so muss auf das ansonsten übliche vollständige Durchstrecken der Wirbelsäule beim Röntgen zunächst verzichtet werden.


Mithilfe einer Ultraschalluntersuchung kann das Herz umfassend beurteilt und präkardiale Massen können abgegrenzt werden.

Ultraschalluntersuchungen des Abdomens sind im Notfall selten erfolgversprechend, da das betroffene Kaninchen meist aufgrund von Inappetenz Gasansammlungen im Gastrointestinaltrakt aufweist, die eine Diagnostik erschweren. Hier ist es sinnvoll, zunächst ein Dimeticon-haltiges Präparat zu geben und die Sonografie für den Folgetag anzusetzen.
 

Ultraschalluntersuchungen werden oft besser toleriert, wenn das Tier nicht auf dem Rücken oder auf der Seite gelagert wird. Alternativ ist für die Untersuchung des Abdomens eine aufrechte Haltung sinnvoll. Für die Echokardiografie kann das Kaninchen auf dem Ultraschalltisch sitzen, wobei lediglich der Oberkörper angehoben wird.

 

Begleitende Maßnahmen

Fütterung

Inappetenz kann eine Begleiterscheinung einer schweren Erkrankung sein und unter anderem aufgrund von Schmerzen, Dyspnoe, Stoffwechselstörungen, Koordinationsschwierigkeiten und natürlich Zahnerkrankungen auftreten, es gibt aber auch Kaninchen, die bereits bei milderen Erkrankungen die Futteraufnahme massiv reduzieren oder einstellen. In beiden Fällen führt die Inappetenz, wenn sie unberücksichtigt bleibt, rasch zu weiteren Symptomen und kann schwerwiegende Verdauungsstörungen wie auch Tympanien aufgrund von Gärungsvorgängen nach sich ziehen.

Nach den Stabilisierungsmaßnahmen und neben der Diagnostik, die zunächst im Vordergrund stehen, muss daher, sobald es der Zustand des Patienten zulässt, zusätzlich zur symptomatischen Therapie der begleitenden Verdauungsstörungen mit einer adäquaten, tierartgerechten, assistierten Fütterung des Patienten begonnen werden.

Hier können handelsübliche Futterpulver zum Anrühren, die einen ausreichenden Rohfasergehalt besitzen, mit einer Fütterungsspritze verabreicht werden. Da inappetente Kaninchen in der Regel auch ihre Zäkotrophe nicht aufnehmen, fehlen zudem wichtige Nahrungsbausteine, die ansonsten auf diesem Wege aufgenommen werden, wie z.B. B-Vitamine, die substituiert werden sollten, oder auch flüchtige Fettsäuren und Aminosäuren. Wird noch Zäkotrophe gebildet und abgesetzt, jedoch nur nicht mehr aufgenommen, so kann diese ebenfalls mit etwas Wasser angerührt und verabreicht werden, sofern keine infektiöse Darmerkrankung vorliegt.

Das oberste Ziel dieser Maßnahmen bleibt, dass das Kaninchen möglichst rasch wieder mit der eigenständigen Futteraufnahme beginnt und die Regeneration gefördert wird. Hierzu sollten sowohl permanent frisches und hochwertiges Heu angeboten werden als auch die Frischfuttermittel (z.B. frische Kräuter und Wiesengräser), die vor der Erkrankung gern und unproblematisch aufgenommen wurden.
 

Stationäre Unterbringung

Ob der Patient stationär untergebracht werden muss, muss immer individuell entschieden werden. Ist der Notfallpatient in Bezug auf die Atmung und den Herz-Kreislauf-Apparat wieder stabil und kann Kot sowie Urin eigenständig absetzen, kann das Tier in der Regel überwiegend zu Hause weiter versorgt werden und kehrt nur zu den Kontrollen (teilweise zunächst täglich) in die Praxis zurück.

In vielen Fällen kann der Patientenbesitzer nach entsprechender Anleitung die assistierte Fütterung und die orale Medikamentenapplikation übernehmen, so dass dann die Vorteile der ambulanten Behandlung überwiegen: Das Kaninchen erholt sich in der gewohnten Umgebung mit seinen Partnertieren oft schneller und der Transportstress aufgrund der regelmäßigen Kontrollen in der Praxis ist häufig geringer einzuschätzen als der Stress, der durch den stationären Aufenthalt (fremde Umgebung, wenig Bewegungsmöglichkeiten, oft ohne Partnertiere) entsteht.

 

Prophylaxemöglichkeiten

Da die Ursachen für eine Notfallsituation so vielfältig sind, kann es keine allgemeingültigen Prophylaxe-Empfehlungen geben. Neben einem ausführlichen Gespräch mit dem Patientenbesitzer über den aktuellen Befund und eine mögliche Prophylaxe in der Zukunft ist es jedoch immer wichtig, durch eine entsprechende Beratung für eine Optimierung der Haltungs- und Fütterungsbedingungen zu sorgen und den Halter für erste Erkrankungssymptome zu sensibilisieren, so dass ein möglichst frühzeitiges Eingreifen erfolgen kann.

 

Literatur:

[1]         DeCubellis J. Common Emergencies in Rabbits, Guinea Pigs and Chinchillas. Vet Clin Exot Anim 2016; 19: 411–429
[2]         Ewringmann A. Leitsymptome beim Kaninchen. 3. Aufl. Stuttgart: Enke; 2016
[3]         Hein J. Labordiagnostik bei Kleinsäugern. Hannover: Schlütersche; 2019
[4]         Huynh M, Boyeaux A, Pignon C. Assessment an Care of the Critically Ill Rabbit. Vet Clin Exot Anim 2016; 19: 379–409
[5]         Lumpp L. Dyspnoemanagement beim Kaninchen. Kleintier konkret 2019; 22: 17–27
[6]         Quesenberry K at al., Eds. Ferrets, Rabbits and Rodents: Clinical Medicine and Surgery. Philadelphia: Saunders, Elevier; 2020

 

 

Dr. Barbara Glöckner ist Tierärztin, Autorin und Referentin. Sie hat den Fachtierarzt für Kleintiere sowie die Zusatzbezeichnung Heimtiere und sich seit vielen Jahren auf die Heimtiermedizin spezialisiert.

Der Originalartikel „Allgemeines Notfallmanagement beim Kaninchen in der täglichen Kleintierpraxis“ erschien im Kompendium Kleintier 2021, das unter anderem eine Beilage der Kleintier konkret ist.