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PferdDie Selektive Entwurmung beim Pferd

Pferde müssen entwurmt werden, das ist klar. Doch muss es immer eine Breitbandentwurmung sein? Hier lesen Sie, wie eine professionelle und bedarfsgerechte Endoparasitenbekämpfung durchgeführt wird.

Die Geschichte

Die Geschichte der chemischen Endoparasitenbekämpfung begann während des Wirtschaftsaufschwungs in den 1950er und 1960er Jahren. Aufgrund des zunehmenden Wohlstands nahm die Pferdehaltung sowohl im Sportpferde- als auch im Freizeitreiterbereich stark zu. Durch die zunehmende Überweidung der oft begrenzten Koppelflächen stieg die Wurmbürde der Pferde in vielen Betrieben und dies führte zu Koliken, oft mit Todesfolge. In dieser Zeit war es vor allem der Parasit Strongylus vulgaris, der durch Verschluss von Blutgefäßen für die sog. „thrombotisch-embolischen Koliken“ verantwortlich war. Aber auch der Spulwurmbefall forderte viele Todesopfer, besonders bei Fohlen und Jungpferden. Durch diese Fakten wurde es notwendig, über eine entwurmende Behandlung nachzudenken und geeignete Medikamentezu entwickeln mit dem Ziel, Endoparasiten aus dem Wirt zu entfernen und dadurch die Lebenszyklen der Parasiten zu unterbrechen. Durch weniger Parasiten ergibt sich eine Verminderung der Eiausscheidung und somit unweigerlich eine Senkung des Wurmdrucks in der Umgebung plus eine verminderte Aufnahme von infektiösen Larven mit dem Futter.
 

Merke

Bei der Strategischen Entwurmung wird 4 × im Jahr mit wechselnden Präparaten entwurmt.


Strategische Entwurmung

Mit Einführung der Anthelminthika in Pastenform war der Weg frei für ein gezieltes und breitflächiges Entwurmungsregime, die sog. Strategische Entwurmung. Dieses Behandlungsregime wurde vor allem zur Bekämpfung der Großen Strongyliden bei erwachsenen Pferden entwickelt und kammit demsog. „intervall dose programm“ zum Einsatz, bei dem Pferde 4 × jährlich mit wechselnden Wirkstoffen behandelt werden.

Durch das „intervall dose programm“ wurden in Deutschland die gefährlichen Große Strongyliden (Strongylus spp) nahezu ausgerottet. Allerdings entwickelten sich durch eine falsche Handhabung, z.B. Reduktion auf 2 × jährliche Behandlung und Unterdosierung, gerade auch bei Fohlen und Jungpferden, zunehmend Resistenzen der verschiedenen Endoparasitenarten auf unterschiedliche Wirkstoffe. Auch waren die Entwurmungstuben lange Zeit nur für 500 kg Körpergewicht dosiert, doch viele Pferde sind deutlich schwerer.


Selektive Entwurmung

Aufgrund der zunehmenden Resistenzbildung wurde ein Umdenken in der Endoparasitenbekämpfung notwendig. Die „Selektive Entwurmung“ mit einer Entwurmungsstrategie, die sich an der tatsächlichen Parasitenlage orientiert, wurde als neues Konzept zunächst bei der gezielten Wurmbekämpfung von Schaf- und Ziegenherden eingeführt, da es hier zu großen Verlusten durch wirkstoffresistente Wurmpopulationen kam. Bei den Equiden diente die Selektive Entwurmung zunächst nur der gezieltenKontrolle und Behandlung der Strongyliden. Der entscheidende zwischen  der Strategischen Entwurmung mit festgelegten Zeiten und Präparaten und der Selektiven Entwurmung ist, dass bei der Selektiven Entwurmung nach einem individuellen Bedarf entwurmt wird (s.u.)
 

Zeitgemäße Selektive Entwurmung

In Deutschland entwickelte eine Gruppe von engagierten Parasitologen unter Leitung von Prof. Kurt Pfister aus der Selektiven Entwurmung ein noch zeitgemäßeres Programm der gezielten Endoparasitenbekämpfung. Im Rahmen zahlreicher wissenschaftlicher Studien und Doktorarbeiten sowie praktischer Erfahrungen in diversen tierärztlichen Hauslaboren wurde die Selektive Entwurmung schließlich zur Zeitgemäßen Selektiven Entwurmung (ZE) erweitert und praxistauglich gemacht. Hierzu wurde von der AG.ZE (Arbeitsgemeinschaft ZE, www.zeitgemaess-entwurmen.de) ein umfangreiches Regelwerk für die teilnehmenden Tierärzte und Labore entwickelt. Die ZE hat die Kontrolle und gezielte Bekämpfung aller Endoparasiten inkl. Oxyuren beim Equiden zum Ziel (Abb. 1).

Merke

Bei der Zeitgemäßen Selektiven Entwurmung wird nach dem individuell ermittelten Bedarf entwurmt.


System der ZE

Bei der ZE erfolgt die Behandlung der Pferde nach individuell auf bestimmte Endoparasiten abgestimmte Schwellenwerte mit dem Ziel, eine deutliche Senkung des Infektionsdrucks sowohl für das einzelne Pferd als auch für alle Pferde im Bestand zu erreichen. Bei Strongyliden behandelt man z. B. erst ab einem Schwellenwert > 200 EpG (EpG = Eier pro Gramm Kot), um durch den Erhalt von Refugien (Restbeständen) einen Rückgang der Wirkstoffresistenzen zu erreichen.

Aufgrund der durch Kotuntersuchungen ermittelten Befunde werden individuell für das Einzelpferd und seine Haltungsbedingungen und bei Beprobung des ganzen Bestands auf die Bestandsergebnisse abgestimmte Behandlungsempfehlungen gegeben. So kann es durchaus sein, dass Pferde im gleichen Bestand aufgrund unterschiedlicher Befunde mit unterschiedlichen Medikamenten behandelt werden. Abhängig von den verwendeten Wirkstoffen werden zusätzlich noch Empfehlungen zum Zeitpunkt der nächsten Beprobung gegeben.

Durch die gezielte Beprobung und durch eine Behandlung nur bei Bedarf vermindert man in vielen Betrieben die eingesetzte Medikamentenmenge um bis zu 60%. Somit wird Geld gespart sowie Pferd und Umwelt werden geschont, denn Entwurmungsmedikamente sind nicht nur eine Belastung für das Pferd, sondern auch ein Problem für die Umwelt, weil es auch „gute“ Bodenwürmer tötet.


VORTEILE DER ZEITGEMÄßEN SELEKTIVEN ENTWURMUNG

  • Entwurmung entsprechend dem individuellen Befund
  • Wirksamkeitskontrolle nach notwendiger Behandlung
  • Rückgang der Wirkstoffresistenzen durch Bildung von Refugien
  • individuelle Betreuung und Behandlung des Einzeltiers
  • Verwendung passender Wirkstoffe
  • Gesunderhaltung der Pferde
  • Reduktion der Medikamentengaben und Schonungder Umwelt
  • umfassende Dokumentation über Jahre hinweg
  • kompetente Beratung unter tierärztlicher Aufsicht
  • systematische Behandlung von Hochausscheidern, hierdurch Senkung desWurmdrucks für den ganzen Bestand

Durchführung

Für die Ermittlung des Endoparasitenstatus werden im ersten Monitoringjahr 4 Kotuntersuchungen für jedes Pferd durchgeführt. Die Untersuchung erfolgt mittels modifiziertem McMaster-Verfahren und dem kombinierten Sedimentations-Flotationsverfahren, um sowohl eine quantitative Eizahlzählung als auch eine qualitative Übersicht der vorhandenen Endoparasiten im Einzelpferd und im Bestand zu bekommen. Zusätzlich führen ZE-Labore regelmäßig Larvenanzuchten zur Unterscheidung zwischen Großen und Kleinen Strongyliden durch, machen Larvenauswanderung zur Untersuchung auf Lungenwürmer, Tesa-Abklatschuntersuchungen auf Oxyuris-equi- Eier (Abb. 1) und eine Sedimentation zum Nachweis von Leberegel. Optimal wäre ein Beginn der Kotprobenuntersuchung im Frühjahr (Mitte–Ende März), um im Verlauf des ersten Jahres 4 Kotuntersuchungen machen zu können, es ist aber auch zu jedem anderen Zeitpunkt möglich, in die ZE einzusteigen. Dieses erste Jahr, das sog. Kategorisierungsjahr, beginnt mit dem Datum der ersten Beprobung, d.h. es rechnet sich nicht nach dem Kalenderjahr.

Das McMaster-Verfahren ist ein quantitatives Nachweisverfahrenvon Parasiteneiern bzw. ‑oozysten imKot, basierend auf der Flotationsmethode.

Folgeuntersuchungen

Nach den ersten Untersuchungen empfiehlt das ZE-Labor die passende Strategie für die vorhandenen Befunde und legt die Abstände der Folgeuntersuchungen fest. Diese richten sich nach den Ergebnissen sowie dem Zeitpunkt der ersten Beprobung und Untersuchung mittels McMaster- Eizahlzählung. Da die Strongyliden eine Art Winterruhe (Hypobiose) halten, wird die Beprobung in den Monaten November–Anfang März ausgesetzt. In dieser Zeit wird zudem in vielen Beständen eine Behandlung gegen Magendasseln und als Kombibehandlung auch gegen Bandwürmer durchgeführt. Bei Fohlen und Jungpferden sollte auch im Winter weiter beprobt werden, um eine hohe Ausscheidung z.B. von Spulwürmern unter Kontrolle zu behalten.

Wirksamkeitskontrolle

Nach jeder nötigen Behandlung gegen Strongylidenund/ oder Spulwurmbefall muss 14 Tage nach der Eingabe des Medikaments eine Wirksamkeitskontrolle durchgeführt werden. Diese dient der Feststellung eventuell vorhandener Wirkstoffresistenzen bei der jeweiligen Endoparasitenpopulation im Pferd und/oder im Bestand. Hier werden nur die Pferde beprobt, die eine Wurmkur bekommen haben und es wird mittels Eizahlreduktionstest im McMaster-Verfahren festgestellt, wie viel weniger Eier im Vergleich zur ersten Beprobung vorhanden sind. Das lässt Rückschlüsse auf die Wirksamkeit des eingesetzten Entwurmungsmittels bzw. Resistenzen zu. Ausnahme: die Behandlung gegen Bandwürmer sollte für den ganzen Bestand erfolgen und bedarf keiner Wirksamkeitskontrolle, da bisher keine Resistenzen gegen Praziquantel bekannt sind.

Jahr 2 und weiter

Die Häufigkeit der Beprobung im zweiten und den folgenden Jahren richtet sich nach der Einteilung der Pferde in unterschiedliche Kategorien (diese Einteilung bezieht sich lediglich auf den Strongylidenbefall):

  • Null- und Niedrigausscheider: das sind Pferde, die bei allen 4 Kategorisierungsproben unter 200 EpG Strongyliden lagen und daher nicht behandelt wurden.
  • Unklare Ausscheider: das sind Pferde, die schwankende Ergebnisse übers Jahr zwischen unter 200 EpG und mäßig darüber (bis 500 EpG) Strongyliden aufwiesen.
  • Hochausscheider: das sind Pferde, die bei jeder Probe deutlich erhöhte Werte zeigen. Bei diesen Pferden wird man u.U. eine kontinuierliche Behandlung für 1 Jahr empfehlen, danach starten sie erneut in das erste Kategorisierungsjahr.

Bei den Null- und Niedrigausscheidern kann die Menge der Kotuntersuchungen im zweiten und den folgenden Jahren verringert werden. Wie viele Kotuntersuchungen bei den anderen beiden Kategorien genau zu empfehlen sind, sollte für das jeweilige Pferd unter Berücksichtigung der individuellen Haltungsbedingungen sowie des Entwurmungs- und Weidemanagements des Stalls ermittelt werden.

 

Das richtige Labor

Kotuntersuchungen und die dazugehörende Beratung im Rahmen der ZE können prinzipiell von Tierärzten mit hauseigenem Kotprobenlabor oder im externen Labor durchgeführt werden. Es gibt auch Labore, an die der Pferdebesitzer direkt einsenden kann. Hier muss jedoch die Beratung durch einen Tierarzt sichergestellt werden. Bekannte ZE-Tierärzte sind unter www.zeitgemaesse entwurmung. comgelistet.

Grundsätzlich ist bei der Wahl des Labors für die ZE auf Folgendes zu achten:

  1. Das Labor sollte folgende Untersuchungsarten einsetzen: Eizahlzählung mittels McMaster-Verfahren, qualitative Untersuchung mittels kombiniertem Sedimentations- Flotations-Verfahren (Abb. 2).  Larvenanzucht zur Unterscheidung Großer und Kleiner Strongyliden, Sedimentation zum Nachweis von Leberegel und Eimeria leukarti und Larvenauswanderung zum Nachweis von Lungenwurmbefall (besonders bei Eseln).
  2. Die Behandlungsempfehlung sollte individuell auf das Einzelpferd sowie den Bestand zugeschnitten sein. Hierfür bedarf es einer umfangreichen Anamnese hinsichtlich der Haltungsbedingungen, den sonstigen Erkrankungen und vor allem auch der Entwurmungshistorie.
  3. Das Labor sollte den Zeitpunkt der nächsten fälligen Kotuntersuchung angeben und daran sowie an die Wirksamkeitskontrollen nach erfolgter Entwurmung erinnern.
  4. Eine langfristige Dokumentation der Untersuchungsergebnisse sollte ebenfalls stattfinden.

Fazit

Durch wachsende Pferdezahlen und Breitbandentwurmungen ohne Erfolgskontrolle haben sich in der Pferdehaltung zunehmend Resistenzen gegen bestimmte Entwurmungswirkstoffe entwickelt. Die Zeitgemäße Selektive Entwurmung setzt genau da an und bietet mit ihrem Konzept und Regelwerk die richtigen Werkzeuge, um Pferde bedarfsgerecht zu entwurmen, Resistenzen zu verhindern sowie Tiere, Umwelt und Geldbeutel zu schonen.

 

Der Originalbeitrag zum Nachlesen:

"Die Selektive Entwurmung beim Pferd – wozu, wie und wann?". team.konkret 2018; 14(03): 14 - 18. DOI: 10.1055/a-0608-7390.