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Stabilisierung und ErstversorgungNotfallmanagement beim Kaninchen in der Kleintierpraxis

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Kaninchen werden häufig als Notfallpatienten vorgestellt. Wir zeigen Ihnen, welcher Patient einen Notfall darstellt und welche Sofortmaßnahmen zur Stabilisierung und Erstversorgung ergriffen werden müssen.


Notfallpatient Kaninchen: wichtige Symptome und Krankheitsbilder
Anamnese mittels telefonischer Terminabsprache
Erste Maßnahmen in der Praxis: Stabilisierung mittels ABCD-Schema

 

Kaninchen gehören, wie die meisten anderen als Heimtiere gehaltenen Kleinsäuger zu den Fluchttieren, die in der Nahrungskette weit unten stehen. Rein instinktiv verbergen sie Erkrankungssymptome daher häufig lange, so dass sie oft erst in weit fortgeschrittenem Erkrankungszustand vorgestellt werden.

Dazu kommt, dass Kaninchen häufig in der Gruppe gehalten werden, so dass es auch für den aufmerksamen Tierhalter nicht immer einfach ist, Auffälligkeiten wie z.B. liegengebliebenes Futter unmittelbar einem Kaninchen zuzuordnen. Bei der Außengehegehaltung ist zudem nicht jedes Tier jeden Tag ausreichend lange zu beobachten.

 

Notfallpatient Kaninchen: wichtige Symptome und Krankheitsbilder

Notfälle können durch Traumata, durch akute Veränderungen oder aus akuten Schüben einer chronischen Erkrankung entstehen. Nach einem Trauma stehen gelegentlich Blutungen, oft aber vorrangig hochgradige Schmerzen im Vordergrund, ebenso bei abdominalen Notfällen wie beispielsweise Magendilatationen, Magentympanien oder Verlegungen der ableitenden Harnwege durch Urolithen.

 

Schmerzsymptome beim Kaninchen:

  • Oft unspezifisch: Inaktivität, Apathie, Inappetenz
  • zusammengekauerte Körperhaltung
  • lang ausgestreckte Haltung
  • häufig wechselnde Positionen
  • halb geschlossene Augen
  • weit aufgerissene Augen (akuter Schmerz)
  • Zähneknirschen
  • Stöhnen
  • schrille Schreie (akuter Schmerz, seltener)
  • Automutilation (selten)


Notfälle, die aus einer Veränderung im Bereich des Respirationstrakts resultieren, gehen in der Regel mit Dyspnoe einher.

Beispiel für einen Notfall, bei dem neurologische Veränderungen im Vordergrund stehen, ist der akute zentralnervöse Schub einer Enzephalitozoonose.

Eine Organerkrankung, die als Notfall einzuordnen ist, ist beispielsweise die akute Niereninsuffizienz, die beim Kaninchen deutlich häufiger als bei den anderen Heimtierspezies aufzutreten scheint.

Auch vermeintlich leichtere Erkrankungserscheinungen können rasch in einen Notfall münden, z.B. wenn sie mit dem unspezifischen Symptom der Inappetenz einhergehen: Da das Kaninchen keine nennenswerte Eigenmotorik des Magen-Darm-Trakts aufweist, sistiert mit dem Einstellen der Futteraufnahme auch weitgehend der Weitertransport des im Gastrointestinaltrakt befindlichen Futterbreis. Innerhalb kurzer Zeit kann dies z.B. zu Vergärungen mit massiven Verschiebungen der Darmflora und zu lebensbedrohlichen Tympanien führen.

 

Krankheitsbilder, die eine umgehende Untersuchung erfordern:

  • Dyspnoe
  • Gleichgewichtsstörungen/Seitenlage
  • Krämpfe
  • Blutungen
  • wässrige Durchfälle
  • erfolgloses Pressen auf Kot/Urin
  • Geburtsstörungen
  • Verdacht auf Fraktur (Abb. 1)

 

 

 

Anamnese mittels telefonischer Terminabsprache

Leider werden Notfallpatienten eher selten telefonisch angekündigt. Das liegt zum einen daran, dass viele Notfälle vonseiten des Besitzers nicht als lebensbedrohlich eingeordnet werden (können) und zum anderen natürlich auch an der nachvollziehbaren Absicht, keine Zeit auf dem Weg zum Tierarzt verlieren zu wollen.

Ruft jedoch ein Patientenbesitzer aufgrund eines Notfalls an, so können durch gezielte Fragen bereits anamnestische Informationen aufgenommen werden, um die Stabilisierung bzw. Notfallbehandlung vorbereiten zu können.

Dabei hat es sich bewährt, solche Telefonate im Praxisteam zu üben/zu besprechen oder eine kleine Checkliste zu entwickeln und in der Anmeldung zu hinterlegen, so dass die Informationen gleich geordnet erfragt und gesammelt werden können.

Im Rahmen des Telefonats ist eine kurze Beratung zum Transport des betroffenen Kaninchens sinnvoll. Dieser sollte in einer Box mit sauberen Handtüchern erfolgen. Insbesondere bei Tieren mit Gleichgewichtsstörungen hat es sich bewährt, den Platz rund um den Patienten mit zusammengerollten Handtüchern zu polstern, um ein wenig Halt zu geben. Handelt es sich um ein Kaninchen mit Geburtsstörungen, so sollten die bereits geborenen Jungtiere separat in ihrem Nest transportiert werden. Auch tot geborene Jungtiere sind mitzubringen.

Je nach Zustand des Tieres und in Abhängigkeit von den Außentemperaturen sollte zudem eine temperaturangepasste Wärmequelle (Wärmflasche, Kirschkernkissen o.ä.) in die Box gelegt werden. Insbesondere bei Verdacht auf einen Hitzschlag sollten eine Wärmflasche mit kühlerem Wasser oder feucht-kühle Tücher auf oder in die Box gelegt werden.

Heu und eine kleine Frischfutterportion sollten selbst bei inappetenten Tieren sicherheitshalber eingepackt werden.

 

Erste Maßnahmen in der Praxis: Stabilisierung mittels ABCD-Schema

Stressvermeidung für den Kaninchenpatienten ist ein wichtiger Faktor, der immer beachtet werden muss und für den Erfolg der Stabilisierung eine große Rolle spielt.

Grundsätzlich ist es ratsam, Heimtieren im Wartezimmer einen von Hund und Katze getrennten Wartebereich einzuräumen, dies gilt jedoch in besonderem Maße für Kaninchen, die als Notfallpatienten vorgestellt werden. Diese sollten unmittelbar nach Ankunft in einem ruhigen, ggf. leicht abgedunkelten Raum möglichst einzeln untergebracht werden, falls einige Minuten Wartezeit unumgänglich sind. Sinnvoll ist in dieser Zeit die Erfassung des Körpergewichts, um ggf. bereits exakt dosierte Medikamente vorzubereiten. Bei der Herausnahme des Tieres aus der Box ist ein äußerst vorsichtiges, ruhiges und sicheres Handling, ggf. mit Unterstützung einer zweiten Person, unerlässlich.

Ebenfalls wichtig ist es, die Körpertemperatur zu kontrollieren und dann entweder bei Untertemperatur eine Wärmequelle (z.B.  Wärmeflasche) in die Transportbox zu legen oder aber den Patienten bei Hyperthermie, z.B. bei Verdacht auf einen Hitzschlag, zu kühlen.

 

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.

 
Stabilisierung

Die Sicherung der Vitalfunktionen nach dem A-B-C-D Schema (Airways, Breathing, Circulation, Drugs) steht auch beim Kaninchen-Notfallpatienten im Vordergrund.

Atmung

Besonders häufig ist die Atmung durch massive Sekretansammlungen im Rahmen von infektiösen respiratorischen Erkrankungen beeinträchtigt .

Für das Freihalten der Atemwege und die Sicherstellung der Atmung ist in diesen Fällen das Absaugen von Sekreten aus dem oberen Respirationstrakt (z.B. mithilfe einer Tuberkulinspritze mit aufgesetzter weicher Zitzenkanüle oder eines Nasensaugers für Babys, ggf. nach vorherigem Aufweichen von verkrusteten Sekreten oder vorsichtigem Spülen) von wesentlicher Bedeutung.

Dyspnoe aufgrund von Ödemen oder eine Verlegung der Atemwege durch Fremdkörper kommt regelmäßig, aber wesentlich seltener vor (Abb. 2). Weitere Ursachen für Dyspnoe sind Tympanien oder eine Magendilatation, die durch Druck auf das Zwerchfell auch den Thorax belasten.

 

 

Zur Unterstützung mit Sauerstoff werden Kaninchen in der Regel in eine Sauerstoffbox verbracht. Ist eine solche Box nicht vorhanden, kann das Kaninchen im Transportkorb verbleiben. Dieser wird dann möglichst dicht abgedeckt, Sauerstoff wird über den Schlauch eines Oxymaten oder der Sauerstoffflasche des Narkosegeräts eingeleitet. Alternativ kann der Sauerstoffschlauch auch seitlich vor die Nase des Kaninchens gehalten werden.
 

Therapieprotokoll: Erstversorgung bei Dyspnoe

  • Nasenöffnungen säubern, ggf. Sekret absaugen
  • Sauerstoffzufuhr (Sauerstoffbox, Nasenmaske)
  • Temperaturkontrolle und -ausgleich
  • ggf. Schockbehandlung
  • Ruhe
  • schnellstmöglich nach Stabilisierung Diagnostik und kausale Therapie der Grundursache

 

Blutungen

Die Kreislauffunktion wird in der Erstuntersuchung über die Farbe der Konjunktival- und Maulschleimhaut sowie durch die Auskultation des Herzens beurteilt. Blutungen sind umgehend zu stoppen.

 

Unterstützende Medikation

Die Versorgung sollte parenteral, je nach Kreislaufsituation des vorgestellten Kaninchens auch vorrangig intravenös erfolgen.

 

Auch in der gebotenen Eile einer Notfallversorgung muss stets das genaue Gewicht des Patienten ermittelt werden, um eine exakte Dosierung der Medikamente zu gewährleisten.


Der venöse Zugang kann je nach Größe des Tieres über die V. auricularis, die V. cephalica antebrachii oder die V. saphena lateralis erfolgen; es können Venenverweilkatheter oder Butterfly-Kanülen eingesetzt werden. Bei dieser Gelegenheit kann gleich eine Blutprobenentnahme erfolgen.

Zur Flüssigkeitssubstitution sollten dabei stets körperwarme Vollelektrolytlösungen mit einem Puffersystem bevorzugt werden, die initial als Bolus langsam i.v. verabreicht werden können, bevor ggf. eine Dauertropfinfusion folgt. Alternativ ist eine intraperitoneale Gabe mit einem Zugang über den Bereich des linken kaudalen Abdomens möglich.

 

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Ist die Kreislaufsituation des Notfallpatienten stabil, kann die Infusion jedoch auch subkutan verabreicht werden.

Bei allen akuten Schmerzzuständen muss das betroffene Kaninchen umgehend analgetisch versorgt werden. Hierzu können gezielt sowohl NSAIDs, Antipyretika und auch Opioide allein oder in Kombination eingesetzt werden.

Liegt ein infektiöses Geschehen zugrunde, sollte in der Erstversorgung auch ein Breitbandantibiotikum verabreicht werden, während nach Möglichkeit parallel eine bakteriologische Untersuchung einzuleiten ist.

 
Literatur

[1]         DeCubellis J. Common Emergencies in Rabbits, Guinea Pigs and Chinchillas. Vet Clin Exot Anim 2016; 19: 411–429
[2]         Ewringmann A. Leitsymptome beim Kaninchen. 3. Aufl. Stuttgart: Enke; 2016
[3]         Hein J. Labordiagnostik bei Kleinsäugern. Hannover: Schlütersche; 2019
[4]         Huynh M, Boyeaux A, Pignon C. Assessment an Care of the Critically Ill Rabbit. Vet Clin Exot Anim 2016; 19: 379–409
[5]         Lumpp L. Dyspnoemanagement beim Kaninchen. Kleintier konkret 2019; 22: 17–27
[6]         Quesenberry K at al., Eds. Ferrets, Rabbits and Rodents: Clinical Medicine and Surgery. Philadelphia: Saunders, Elevier; 2020

 

Dr. Barbara Glöckner ist Tierärztin, Autorin und Referentin. Sie hat den Fachtierarzt für Kleintiere sowie die Zusatzbezeichnung Heimtiere und sich seit vielen Jahren auf die Heimtiermedizin spezialisiert.

Ihr Originalartikel „Notfallmanagement beim Kaninchen in der täglichen Kleintierpraxis“ erschien im Kompendium Kleintier 2021, das unter anderem eine Beilage der Kleintier konkret ist.