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PferdEquines Metabolisches Syndrom

K.Oborny/Thieme

Das Equine Metabolische Syndrom gehört zu den wichtigsten hormonell bedingten Erkrankungen und ist nicht immer ganz einfach zu diagnostizieren. Gerade im frühen Stadium kann das klinische Bild vielfältig sein, sodass der Diagnostik eine besondere Bedeutung zukommt.

Der Begriff Equines Metabolisches Syndrom (EMS) wurde erstmals 2002 von Johnson in der Veterinärmedizin eingeführt, um einen beim Pferd auftretenden Symptomkomplex zu beschreiben, der Ähnlichkeiten zu dem aus der Humanmedizin bekannten Metabolischen Syndrom zeigte.

Mittlerweile stellen EMS und Pituitary Pars Intermedia Dysfunction (PPID), ehemals auch als Equines Cushing Syndrom bezeichnet, die wichtigsten hormonell und metabolisch bedingten Erkrankungen von Pferden dar. Pferde mittleren Alters haben ein erhöhtes Risiko, sowohl an EMS als auch im späteren Verlauf an einer PPID zu erkranken. Während beim EMS die Entwicklung einer Insulindysregulation (ID) und/oder einer Insulinresistenz (IR) zwingend zum Krankheitsbild gehört, ist dies bei etwa 30% der von PPID betroffenen Equiden der Fall. Als Folge kommt es nicht selten zu der Entstehung einer endokrinopathisch bedingten Hufrehe. Die genauen Pathomechanismen der ID sowie der IR bei Pferden sind bisher trotz intensiver Forschung nur unzureichend bekannt. Im Rahmen der diagnostischen Aufarbeitung einer Hufrehe ist die genaue Diagnostik einer Insulindysregulation die wesentliche Grundlage der prognostischen Beurteilung und der Therapie.

Klinik

Pferde mit EMS zeigen häufig eine regionale Adipositas, die vor allem den Mähnenkamm, den Schweifansatz, die Milchdrüse oder das Präputium betrifft. Häufig besteht aber auch eine generalisierte Adipositas.

Pferde mit EMS leiden immer an einer Insulindysregulation. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass auch Pferde und Ponies, die auf den ersten Blick keine Anzeichen einer Adipositas aufweisen, an einer ID leiden können. Sie können somit für eine endokrinopathisch bedingte Hufrehe prädisponiert sein (Abb. 1). Umgekehrt muss nicht jedes adipöse Pferd unter einem EMS und demzufolge an einer ID leiden.

Insulindysregulation und Insulinresistenz

Die beschriebenen Störungen der Insulinhomöostase können sich zum einen als ID und zum anderen als IR zeigen. Die ID zeichnet sich durch eine exzessive Insulinausschüttung bei Zufuhr von Zuckern, also durch eine pathologisch hohe postprandiale Hyperinsulinämie aus. Begleitet werden kann diese ID durch eine periphere IR.

Bei der peripheren IR liegt eine verminderte physiologische Reaktion der Gewebe auf die Insulin-mediierte Glukoseaufnahme vor. Verschiedene Untersuchungen in der jüngsten Vergangenheit haben gezeigt, dass eine ID unabhängig von einer IR auftreten kann. Somit muss nicht jedes Pferd mit einer ID gleichzeitig eine IR aufweisen. Diese Tatsache erfordert eine gezielte diagnostische Vorgehensweise, um eine ID und/oder eine IR festzustellen.

 

Hohes Hufreherisiko

Pferde, die an einer ID leiden, haben ein besonders hohes Risiko, eine endokrinopathische Hufrehe zu entwickeln (Abb. 3). Studien zeigen, dass 70–89% aller Pferde mit Hufrehe an einer Endokrinopathie leiden. Ungefähr ⅓ aller Pferde mit einer Endokrinopathie hatte eine PPID und bei ⅔ aller Pferde mit Hufrehe zeigte sich labordiagnostisch eine Hyperinsulinämie und dementsprechend der Hinweis auf eine ID. Es wird angenommen, dass die Hyperinsulinämie ein wichtiger Hufrehe-auslösender Faktor der endokrin bedingten Erkrankungen EMS und PPID ist. Selbst bei gesunden Pferden und Ponies lässt ich durch eine experimentell induzierte Hyperinsulinämie eine klinisch manifeste Hufrehe auslösen. Bei Ponies mit ID konnte zudem durch eine Fütterung einer hochdosierten Kohlenhydratration über mehrere Tage und einer daraus resultierenden hochgradigen postprandialen Hyperinsulinämie eine ebenfalls klinisch manifeste Hufrehe ausgelöst werden.

Besonders „robust“ gehaltene Ponys und schwere Pferderassen zählen zu den stärker betroffenen Tieren (Abb. 2). Oftmals erfolgt bei diesen Pferden durch ein für ihren Bedarf viel zu reichhaltiges Futterangebot in Form von gehaltreichen Weiden, Kraftfutter und kohlenhydratreichem Heu und gleichzeitig fehlender entsprechender Leistung eine schnelle Gewichtszunahme. Sogenannte Robustrassen, die genetisch auf besonders gute Futterverwertung ausgerichtet sind, und unter diesen Bedingungen gehalten werden – und einen Großteil der deutschen Pferdepopulation ausmachen –, sind prädisponiert, eine ID zu entwickeln und haben als Folge dessen ein deutlich erhöhtes Risiko, eine endokrinopathisch bedingte Hufrehe zu entwickeln.

Da die Hufrehe derzeit nur symptomatisch und nicht kausal behandelt werden kann, ist eine rechtzeitige Erkennung prädisponierter Tiere und eine frühzeitige Diagnose von höchster Bedeutung.

Diagnostik

Bestimmung der Insulinkonzentration

Die Bestimmung der Insulinkonzentration im gefasteten Zustand (basale Insulinkonzentration) wurde lange Zeit als einfache und effektive Screeninguntersuchung angesehen. Basale Insulinkonzentrationen von unter 20 μIU/ml galten hierbei als unauffällig, während Insulinkonzentrationen zwischen 20 und 50 μIU/ml als verdächtig und Insulinkonzentrationen von über 50 μIU/ml als beweisend für das Vorliegen einer ID galten. Kontrovers wird hier das vorherige Fasten oder Füttern diskutiert. Generell empfiehlt es sich, einen Abstand zwischen Fütterung und Blutprobenentnahme einzuhalten und auf jeden Fall mindestens 4 Stunden vor der Blutprobenentnahme kein Kraftfutter zu füttern.

Neuere Studien zeigen jedoch eine geringere Aussagekraft der basalen Insulinkonzentration und empfehlen deshalb die Durchführung dynamischer Diagnostiktests, um eine ID zweifelsfrei zu diagnostizieren. Nicht selten zeigen betroffene Pferde und Ponies im basalen Zustand eine Normoinsulinämie und erst unter der dynamischen Stimulation eine überschießende Insulinsekretion des Pankreas.

Folgende Faktoren können die Ergebnisse beeinflussen:

  • Stress
  • Schmerzen
  • andere Erkrankungen
  • vorheriges Fütterungsmanagement
     
Labormethode von großer Bedeutung

Sowohl bei der basalen Insulinbestimmung als auch bei den verschiedenen dynamischen Diagnostiktests wird letztendlich die Diagnose einer ID anhand von Insulinkonzentrationen gestellt. Hier gilt es, ein besonderes Augenmerk auf die verwendete Labormethode sowie deren spezifische Referenzwerte zu legen.

Mehrere Studien konnten signifikante und klinisch relevante Unterschiede zwischen den mit verschiedenen Labormethoden gemessenen Insulinkonzentrationen aufzeigen. Einheitliche Referenzwerte gibt es also nicht. Derzeit finden in Deutschland sowohl verschiedene Chemilumineszenz Assays (CLIA), Radioimmunoassays (RIA) und Enzyme-linked Immunosorbent Assays (ELISA) zur Bestimmung von equinem Insulin Anwendung. Es empfiehlt sich daher, vor der geplanten Untersuchung zu überprüfen, ob dasmit der Analyse der Blutproben beauftragte Labor entsprechende Referenzwerte für den geplanten Diagnostiktest anbietet. Andernfalls wird die Interpretation der Befunde in Bezug auf die Diagnose einer ID schwierig bis nahezu unmöglich

Bestimmung von Triglyceriden, Leptin und Adiponektin

Neben der Bestimmung der basalen Insulinkonzentration zeigen diverse Studien Zusammenhänge zwischen erhöhten Triglycerid-, erhöhten Leptin- sowie erniedrigten Adiponektinkonzentrationen und dem Risiko der Entwicklung einer Hufrehe. Zurzeit sind sowohl für Leptin als auch Adiponektin keine etablierten Testverfahren in deutschen Laboren im Routineeinsatz.

Weitere verlässliche und etablierte Biomarker stehen derzeit noch nicht zur Verfügung, auch wenn erste Untersuchungen vielversprechende Ergebnisse liefern.

Bestimmung der Glukose

Pferde, die an einer ID bzw. an einer IR leiden, weisen in den meisten Fällen eine Normoglykämie auf. Erst im Endstadium einer dekompensierten IR zeigten die betroffenen Pferde eine Hyperglykämie. Komplexe mathematische Operationen oder Berechnungen verschiedener Quotienten aus Glukose- und/oder Insulinkonzentrationen sowie Bestimmungen der Fruktosaminkonzentrationen als Langzeitmarker für Glukose haben daher nur höchstens eine fragliche diagnostische Aussagekraft.

Dynamische Diagnostiktests – die Testprotokolle

Bei den verschiedenen dynamischen Diagnostiktests unterscheidet man zwischen oralen und intravenösen Testprotokollen. Bei den oralen Tests liegt der Schwerpunkt auf der Erfassung der ID, während die intravenösen Tests lediglich auf die Abklärung einer IR in den peripheren Geweben abzielen.

 

Orale Testprotokolle

Oraler Glukosetest (OGT)

Der orale Glukosetest (OGT) kann auf verschiedene Weise durchgeführt werden. (Abb. 4 und Abb. 5). Fütterungsbasierte OGTs basieren auf der oralen Aufnahme einer Futterration, die mit 0,5–1 g/kg KGW Glukose (synonym Dextrose) angereichert ist. Die Glukose wird hierbei in warmem Wasser gelöst und mit ca. 200 g Weizenkleie und 0,3%/kg KGW Luzernehäckseln gemischt. Die Pferde sollten für diesen Test über Nacht gehungert sein, um eine Variation durch unterschiedlich lange Magenpassagezeiten zu minimieren und die Akzeptanz der oralen Aufnahme zu steigern. Die Probenentnahme erfolgt 2 Stunden nach vollständiger Aufnahme der Ration. Beschriebene Cut-off-Werte für Insulin variieren je nach verabreichter Glukosedosis, verwendeter Labormethode und Literatur zwischen 68 und 87 μIU/ml. Das häufigste Problem bei diesem Testverfahren ist die unvollständige oder intermittierende Aufnahme der Ration, die eine exakte Diagnosestellung erschwert.

Alternativ kann die Glukose per Nasenschlundsonde direkt in den Magen verabreicht werden. Die empfohlene Dosierung liegt hier bei 1 g/kg KGWGlukose oder Dextrose, gelöst in 2 Liter lauwarmem Wasser. Auch hier wird eine Futterkarenz über Nacht empfohlen [44, 54, 56]. Für das Einführen einer Magensonde sollte auf eine Sedierung mit α2-Agonisten verzichtet werden, da diese die pankreatische Insulinsekretion hemmen. Die Probenentnahme erfolgt 2 Stunden nach Applikation der Glukose. Pferde mit einer ID reagieren mit einer pathologisch hohen postprandialen Hyperinsulinämie. Insulinkonzentrationen von über 110 μIU/ml, gemessen mittels Equine Insulin ELISA (Mercodia AB, Uppsala, Schweden), gelten hier als beweisend für das Vorliegen einer ID.

Oral Sugartest (OST)

Alternativ zum OGT kann ein Oral Sugartest (OST) durchgeführt werden. Hierbei wird dem zu untersuchenden Pferd nach einer Hungerphase von 3–12 Stunden eine Menge von 0,15–0,45ml/kg KGW Corn Sirup (ACH Food Companies, Cordova, USA) oral mittels Spritze eingegeben. Nach 60 bis 90 Minuten wird die Insulinkonzentration bestimmt. Die Interpretation der Insulinergebnisse hängt auch hier von der gewählten Dosierung und der verwendeten Labormethode zur Messung des Insulins ab. Je nach verwendeter Labormethode und Dosierung schwanken die Cut-off-Werte zwischen 30 und 60 μIU/ml.

Intravenöse Testprotokolle

Während bei den oralen Tests die endogene Insulinantwort auf oral aufgenommene oder verabreichte Kohlenhydrate überprüft und nur indirekt die Insulinsensitivität der peripheren Gewebe erfasst wird, liegt das Hauptaugenmerk bei den intravenösen Testverfahren in der direkten Bestimmung der peripheren Insulinsensitivität ohne Berücksichtigung der enteral bedingten Komponenten.

Insulinstimulationstest (IST)

Der Insulinstimulationstest (IST) sollte im Gegensatz zu anderen Testverfahren ohne vorherige Futterkarenz erfolgen, um der Gefahr einer potenziell entstehenden Hypoglykämie vorzubeugen. Das Hauptaugenmerk dieses Testverfahrens liegt in der Insulin-mediierten Glukoseaufnahme der peripheren Gewebe und dient somit dem Nachweis einer peripheren Insulinresistenz (Abb. 6).

Es wird zunächst die basale Glukosekonzentration bestimmt. Anschließend wird dem Pferd 0,1 IE/kg KGW eines rekombinanten, humanen, schnell wirksamen Insulins intravenös verabreicht. Bei gesunden, insulinsensitiven Pferden führt diese Injektion innerhalb von 30 Minuten zu einem Abfall der Blutglukosekonzentration um mindestens 50%. Insulinresistente Pferde hingegen zeigen eine verzögerte Glukoseaufnahme in den peripheren Geweben und damit einen Abfall der Glukosekonzentration um weniger als 50%. Es empfiehlt sich, nach der Entnahme der 2. Blutprobe nach 30 Minuten 150 mg/kg KGW Glukose zu injizieren oder dem Pferd eine kohlenhydratreiche Futterration anzubieten, um einer eventuell folgenden Hypoglykämie vorzubeugen.

Kombinierter Glukose-Insulin-Test (CGIT)

Als weiterer intravenöser Test zur Diagnose einer IR kann der CGIT genutzt werden (Abb. 7). Hierbei werden dem Pferd 150 mg/kg KGW Glukose, unmittelbar gefolgt von 0,1 IE/kg KGW eines rekombinanten, humanen und schnell wirksamen Insulins intravenös verabreicht [20]. Im Folgenden kann die Glukosekonzentration alle 10 Minuten bestimmt werden. Entscheidend ist jedoch die Glukosekonzentration nach 45 Minuten. Insulinsensitive Pferde erreichen nach 45 Minuten bereits wieder die basalen Glukosewerte. Insulinresistente Pferde hingegen zeigen einen verzögerten Glukoseabfall und benötigen länger als 45 Minuten, um wieder basale Glukosekonzentrationen zu erreichen.

Zusätzlich kann nach 45 Minuten die Insulinkonzentration bestimmt werden. Insulinresistente Pferde weisen hier Insulinkonzentrationen von über 100 μIU/ml im damals zur Verfügung stehenden RIA auf. Allerdings gilt es auch hier bei der Interpretation der gemessenen Insulinkonzentrationen die verwendete Labormethode zu berücksichtigen.

Weitere intravenöse Testverfahren wie der frequently sampled intravenous glucose tolerance test (FSIVGTT) oder der hyperinsulinämische euglykämische Clamp (HEC) eignen sich ebenfalls zur Bestimmung der Insulinsensitivität bleiben jedoch aufgrund ihrer Komplexität und der damit einhergehenden hohen Kosten experimentellen Studien vorbehalten.

Fütterung und Management

Der Fütterung und dem Management der erkrankten Pferde und Ponies kommt die größte Bedeutung zu. Oberstes Ziel bei EMS ist eine Reduktionsdiät in Kombination mit ausreichender Bewegung, soweit dies die Hufrehe-Situation erlaubt. Die Energiezufuhr sollte reduziert werden und im Idealfall zu einer 0,5–1%igen Körpergewichtsabnahme pro Woche führen.

Bedeutung der Fütterung

Wichtig ist eine schrittweise Anpassung der Futterration in Kombination mit einer gegebenenfalls notwendigen Fütterungsumstellung. Die aktuellen Empfehlungen sehen eine Fütterung von 1,3–1,8 kg/100 kg KGW Heu vor. Es wird empfohlen, die Heugaben auf mehrere Mahlzeiten täglich zu verteilen. Auf Kraftfutter ist zu verzichten. Im Idealfall kann eine Futtermittelanalyse des zur Verfügung stehenden Raufutters durchgeführt werden, um notwendige Ergänzungen durch Mineralien gezielt anpassen zu können.

Aufgrund der Reduktion des Futterangebots sollte großes Augenmerk auf eventuell auftretende Verhaltensänderungen gelegt werden. Um zum Beispiel der übermäßigen Aufnahme von Sand oder Einstreu vorzubeugen, kann versucht werden, die Heuration mit Stroh zu mixen. Hierbei gilt, dass maximal 1⁄3 der Ration durch Stroh ersetzt werden sollte, Kotabsatz und die Kotkonsistenz dabei aber gut überwacht werden müssen. Die exzessive Aufnahme von Einstreumaterialien wird in einzelnen Fällen beobachtet und erfordert unter Umständen eine Umstellung auf Gummimatten oder eine Einstreu, die nicht aufgenommen wird.

Kontrovers wird bei Pferden mit EMS immer wieder die Fütterung von Heulage diskutiert. Carslake et al. Zeigten eine im Vergleich zu Heu oder gewässertem Heu stärkere Insulin- und Glukosereaktion bei der Fütterung von Heulage. Sie empfahlen daher, diese nicht für die Fütterung von Pferden und Ponies mit EMS zu verwenden. Generell gilt jedoch, dass der Energiegehalt sowie der Gehalt an nicht-strukturierten wasserlöslichen Kohlenhydraten entscheidend ist und Heulage nicht grundsätzlich höhere Insulin- und Glukosereaktionen hervorruft.

Um den Gehalt an nicht-strukturierten wasserlöslichen Kohlenhydraten im Heu zu senken, kann das Heu vor der Fütterung für 30–120 Minuten gewässert werden. Diese Maßnahme führt zu einem effektiven Auswaschen der wasserlöslichen Kohlenhydrate, birgt jedoch vor allem bei hohen Umgebungstemperaturen die Gefahr des mikrobiellen Verderbs und führt zusätzlich zu einem Ver -lust von Mineralstoffen und Vitaminen. Schon bei alleiniger Heufütterung ist auf eine ausreichende Mineralstoffversorgung zu achten und bei Wässern des Heus muss diese angepasst werden. Die Supplementation des Futters mit hochwertigen Proteinen bzw. Aminosäuren ist empfehlenswert und auf eine Vitaminzufuhr sollte geachtet werden.

Zudem kann versucht werden, durch eine Haltung im Offen- oder Aktivstall zusätzlich die tägliche Bewegung zu steigern, auch wenn dies gegebenenfalls die angepasste Fütterung erschweren kann.

Weitere Maßnahmen

Grundsätzlich können weitere Maßnahmen wie der Einsatz von Slow-Feedern, Heunetzen, Heuraufen oder zeitgesteuerten Futterstationen genutzt werden, um die Futteraufnahmezeit zu verlängern. Bei Pferden und Ponies mit sog. „Weight Loss Syndrome“, die unter der initiierten Diät keine signifikante Gewichtsreduktion erzielen, kann die Heumenge im weiteren Verlauf der Reduktionsdiät auf bis zu 1 kg/100 kg KGW reduziert werden. Beim Einsatz verschiedener Heuraufen sollte jedoch stets die physiologische Fresshaltung der Pferde berücksichtigt werden. Beim Einsatz von Fressbremsen und Maulkörben gilt es stets die Einflüsse auf die Zahngesundheit zu berücksichtigen und regelmäßig zu kontrollieren.

Zimt, Magnesium, kurzkettige Fruktooligosaccharide und Chrom

Fütterungszusätze wie Zimt, Magnesium, kurzkettige Fruktooligosaccharide und Chrom sind immer wieder Gegenstand von Diskussionen mit Tierhaltern.

Für Magnesium konnte in Studien an Labortieren ein positiver Einfluss auf die Glukosehomöostase durch Steigerung der Tyrosinkinase-Aktivität des Insulinrezeptors und der post-Rezeptor-Signaltransduktion nachgewiesen werden. In der Humanmedizin zeigte sich, dass eine Magnesium-Unterversorgung das Risiko für die Entwicklung einer IR und eines Diabetes Typ II erhöht. Die Supplementierung bei insulinresistenten Typ-II-Diabetikern führte in der Humanmedizin zu einem signifikanten Abfall der Nüchternglukosekonzentration und einer Steigerung der Insulinsensitivität. Untersuchungen an obesen, Hufrehe-erkrankten Pferden konnten bisher keinen positiven Effekt von Magnesium auf die Insulinsensitivität nachweisen.

Ähnlich wie Magnesium konnte für Zimtextrakt ein stimulierender Einfluss auf die Insulinsensitivität und eine verbesserte Funktionalität des Insulinrezeptors nachgewiesen werden. Die orale Supplementation bei 10 insulinresistenten Stuten zeigte jedoch keine signifikanten Effekte auf die Insulinsensitivität.

Kurzkettige Fruktooligosaccharide (scFOS) werden ebenfalls in der Human- und Veterinärmedizin zur Verbesserung der Insulinsensitivität eingesetzt. Verschiedene Untersuchungen konnten hier positive Effekte nachweisen. Respondek et al. zeigten, dass die Supplementation mit scFOS zu einer gesteigerten Insulinsensitivität bei Hunden führte und auch in obesen Arabern nach 6 Wochen Supplementation eine verbesserte Insulinsensitivität sowie eine signifikante Reduktion der basalen Insulinspiegel bewirkte. Im Gegensatz dazu konnten McGowan et al. nach 6 Wochen Reduktionsdiät bei insulinresistenten Pferden zwar eine Verbesserung der Insulinsensitivität nachweisen, jedoch keine weitere Verbesserung der Insulinsensitivität durch zusätzliche scFOS-Supplementierung.

Chromhefe und weitere Chromformulierungen wurden vielfach untersucht. Es wird derzeit davon ausgegangen, dass die positiven Einflüsse auf die Insulinsensitivität durch eine erhöhte Insulinbindung, Insulinrezeptoranzahl und Rezeptorphosphorylierung hervorgerufen werden. Untersuchungen bei Pferden lieferten zum Teil kontroverse Ergebnisse in Bezug auf den Einfluss einer Chrom-Supplementation auf die Insulinsensitivität. Aufgrund der aktuellen arzneimittel- und futtermittelrechtlichen Lage ist die Zufütterung mit chromhaltigen Futterergänzungsmitteln in Deutschland derzeit nicht möglich.

Bedeutung der Bewegung

Zusätzlich zu der Umstellung und Optimierung der Fütterung ist die Steigerung der täglichen Bewegung essenziell, soweit das mit einer bestehenden Hufrehe vereinbar ist. Neben der Förderung des Gewichtsverlusts führte regelmäßige Bewegung beim Menschen zu einer Steigerung der Insulinsensitivität und Reduktion der Entzündung.

Untersuchungen zum Einfluss von gesteigerter Bewegung auf die Insulinsensitivität von Pferden zeigten bereits leichte Verbesserungen der Insulinsensitivität nach 7 Tagen Round-Pen-Arbeit (15–20 min/Tag), ohne einen gleichzeitig messbaren Gewichtsverlust. Des Weiteren konnte nachgewiesen werden, dass bereits bei einem leichten Bewegungsprogramm (5 Minuten Trab pro Tag für 14 Tage) ein Abfall der inflammatorischen Marker Serumamyloid A und Haptoglobin bei Ponies mit vorberichtlicher Hufrehe eintrat.

Für Pferde und Ponies mit ID ohne begleitende Hufrehe wird derzeit leichte bis mittlere Arbeit in Trab und Galopp mit Herzfrequenzen um die 150 Schläge/min für ca. 30 Minuten mindestens 5× pro Woche empfohlen.

Für Pferde und Ponies mit ID und stattgehabter Hufrehe im stabilen Zustand wird leichte Arbeit mit Trab und Galopp auf weichem Untergrund und Herzfrequenzen um die 130 Schläge/min für mindestens 30 Minuten ungefähr 3× pro Woche empfohlen.

Medikamentöse Therapiemöglichkeiten

In einzelnen Fällen kann ein zusätzlicher medikamentöser Therapieversuch erforderlich werden. Grundsätzlich gilt jedoch, dass medikamentöse Therapieversuche Pferden und Ponies mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit aufgrund chronischer Hufrehe, Gewichtsverlust-Resistenz- Syndrom und schwerwiegenden Fällen einer ID vorbehalten sind.

Metformin
 

Metformin ist ein orales Antidiabetikum, das in der Humanmedizin bei der Behandlung von Diabetes mellitus Typ II und Adipositas Anwendung findet. Metformin hat unter anderem einen positiven Einfluss auf die Insulinsensitivität durch eine Aktivierung der Adenosin-Monophosphat- Kinase im Lebergewebe. Es fördert die Glukoseaufnahme in die Zellen und die anschließende Metabolisierung. Daneben reduziert es die Lipogenese und die Glukoneogenese.

Verschiedene Studien lieferten unterschiedliche Ergebnisse in Bezug auf die Wirksamkeit und Effektivität der Therapie beim Pferd. Ursächlich für die teils sehr kontroversen Ergebnisse scheint die schlechte orale Bioverfügbarkeit beim Pferd zu sein. Interessanterweise zeigten Rendle et al. eine reduzierte Insulinantwort nach Metformintherapie und anschließender oraler Glukosegabe. Im Zusammenhang mit Studien bei anderen Spezies wurde hier eine reduzierte enterale Glukoseresorption durch Metformin diskutiert.

Dieser Inhalt unterliegt den Bestimmungen gemäß Heilmittelwerbegesetz (HWG) und darf nur berechtigten Personen zugänglich gemacht werden. Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Inhalt zu sehen.

In Deutschland existiert derzeit kein zugelassenes Präparat für Pferde.

Levothyroxin
 

Falls Fütterungs- und Managementumstellungen keinen zufriedenstellenden und nachhaltigen Erfolg bringen, kann Levothyroxin, ein synthetisches Thyroidhormon, eingesetzt werden. Levothyroxin stimuliert den Metabolismus und fördert so den Gewichtsverlust und die Verbesserung der Insulinsensitivität.

Die klinische Erfahrung zeigt ein sehr unterschiedliches Ansprechen der Patienten auf die Therapie. Bei gesunden Pferden führte eine 16-wöchige Levothyroxinbehandlung zu einem10%igen Gewichtsverlust und einem 1,8-fachen Anstieg in der Insulinsensitivität. Interessanterweise liegt nur eine wissenschaftliche Untersuchung vor, die den Effekt von Levothyroxin bei an EMS erkrankten Pferden untersuchte. Diese konnte nach 6 Monaten Therapie mit 48mg/Tag, gefolgt von 3 Monaten Therapie mit 72mg/Tag einen positiven Effekt auf das Körpergewicht sowie den Nackenumfang nachweisen.

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Zurzeit ist in Deutschland kein zugelassenes Medikament für Pferde verfügbar, sodass das Medikament umgewidmet werden muss und mit hohen Kosten für den Tierhalter verbunden ist.

Es empfiehlt sich, unter der Therapie eine regelmäßige Kontrolle der Serum-T4-Werte durchzuführen. Diese steigen oftmals auf supraphysiologisch hohe Werte, ohne dabei klinische Anzeichen eines Hyperthyreoidismus hervorzurufen. Idealerweise sollte die Therapie ausgeschlichen werden und durch gleichzeitige Optimierung des Haltungs- und Fütterungsmanagements begleitet werden.

Weitere medikamentöse Therapieansätze – ein Ausblick

In den letzten Jahren gab es eine Vielzahl an Untersuchungen zu kausalen Therapieansätzen.

Im Fokus stehen derzeit unter anderem SGLT-2-Inhibitoren, sogenannte Gliflozine, die bereits seit 2012 in Europa in der Humanmedizin im Einsatz sind. Sie hemmen den renalen natriumabhängigen Glukosetransporter Typ 2 (SGLT-2) in den Nierentubuli und führen so über eine Glukosurie zu einer Senkung der Blutzuckerkonzentration und einem Kalorienverlust unabhängig von der Insulinwirkung. Erste Untersuchungen bei Pferden zeigten hier erfolgversprechende Ergebnisse. So konnten Meier et al. [38] zeigen, dass die Behandlung mit Velagliflozin zu einer reduzierten postprandialen Hyperinsulinämie führt und in einem experimentellen, fütterungsbasierten Hufrehe-Modell die Entwicklung einer Hufrehe bei 12 behandelten insulindysregulierten Ponies im Vergleich zu einer Kontrollgruppe verhinderte. Zusätzlich zeigten die Autoren, dass eine Langzeitanwendung zu einer deutlichen Verbesserung der postprandialen Hyperinsulinämie unter der Therapie führte und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen bei den behandelten Ponies über 16 Wochen festzustellen waren.

Des Weiteren wurde die Wirkung von Canagliflozin, einem weiteren SGLT-2-Inhibitor, untersucht. Es führte in einer mittleren und einer hohen Dosierung zu einer signifikanten Reduktion der Insulinantwort während eines OST bei insulindysregulierten Ponies.

Bisher ist keines der genannten Gliflozine in der Tiermedizin zugelassen.

Pioglitazon, ein weiteres orales Antidiabetikum aus der Gruppe der Thiazolidindione, wurde ebenfalls bereits unter experimentellen Bedingungen an Pferden untersucht (Suagee et al. 2011). In Deutschland gibt es derzeit kein zugelassenes Präparat für die Anwendung am Pferd. Aus der Humanmedizin ist bekannt, dass Pioglitazon zu einer Verbesserung der Insulinsensitivität und zu gesteigerten Adiponektinkonzentrationen führt. Wearn et al.  konnten in ihrer Untersuchung zeigen, dass eine ausreichende orale Bioverfügbarkeit beim Pferd gegeben ist. Eine klinische Verbesserung der Insulindysregulation mit einer reduzierten Insulinantwort im OST und einer Erhöhung der Adiponektinkonzentration konnten Legere et al. nach einer täglichen Therapie über 28 Tage nachweisen.

 

Fazit

Das Equine Metabolische Syndrom ist ein immer häufiger auftretendes Problem in der heutigen Pferdepopulation und nicht selten eine Herausforderung in der Praxis. Da das klinische Bild – entgegen vieler Behauptungen – im frühen Stadium der ID vielfältig und häufig nicht ganz eindeutig ist, kommt der Diagnostik eine besondere Bedeutung zu. Hierbei ist ein Grundverständnis der physiologischen Stoffwechselprozesse notwendig, um die vorhandenen Diagnostiktests gezielt einsetzen und die Befunde interpretieren zu können. Wir sollten versuchen, gefährdete Pferde und Ponies mit Insulindysregulation durch einen sinnvollen Einsatz dieser Testverfahren rechtzeitig zu erkennen und durch ein optimiertes Management vor Folgeerkrankungen zu schützen. Aufgrund der im fortgeschrittenen Stadium häufig auftretenden schwerwiegenden, rezidivierenden und nicht selten therapieresistenten Hufrehe sowie der unbefriedigenden medikamentösen Lage, spielen hier insbesondere die Prophylaxe sowie die Beratung der Besitzer eine besondere Rolle.

 

Der Originalartikel zum Nachlesen:

Warnken, T., Feige, K. "Equines Metabolisches Syndrom – Was gibt es Neues?". pferde spiegel 2019; 22(04): 179-190. DOI: 10.1055/a-0984-1331.

Dr. Tobias Warnken, PhD ist Tierarzt und Diplomate des European College of Equine Internal Medicine. Er arbeitet als Manager Translational Veterinary Sciences bei Boehringer Ingelheim. Den Beitrag "Equines Metabolisches Syndrom – Was gibt es Neues?" hat er während seiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Pferde der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover verfasst.

Karsten Feige ist Fachtierarzt für Pferde und Diplomate of the European College of Equine Internal Medicine. Er funiert außerdem als Direktor der Klinik für Pferde an der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Der Originalartikel"Equines Metabolisches Syndrom – Was gibt es Neues?" erschien in der "Pferdespiegel".