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PferdTrigeminus-mediiertes Headshaking

Brown horse standing in high grass in forest by sunset with dark
Helga / stock.adobe.com

Headshaking ist eine oft schwerwiegende Krankheit, die zu einer deutlichen Beeinträchtigung des Wohlbefindens und der Nutzbarkeit erkrankter Pferde führen kann. Die Autoren stellen die Diagnostik sowie verschiedene Therapiemöglichkeiten vor und geben eine Einschätzung zur Prognose.

Headshaking ist definiert als ein Schlagen des Kopfes, das in der Regel unwillkürlich und ohne äußerlich erkennbaren Stimulus stattfindet. Ist eine Erkrankung im Innervationsgebiet des N. trigeminus vorhanden oder liegt der Verdacht einer primären Neuropathie des N. trigeminus vor, spricht man von Trigeminus-mediiertem Headshaking (TMHS). Nicht-Trigeminus-mediiertes Headshaking kann durch muskuloskelettale Krankheiten außerhalb des Innervationsgebiets des N. trigeminus, z. B. im Rücken- oder Halsbereich, verursacht werden. Obwohl Headshaking Pferde aller Rassen und Nutzungsarten betreffen kann, werden vermehrt Warmblutwallache bei Tierärzten vorgestellt.

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Symptomatik

Von den Besitzern wird oft als erstes Symptom das Schlagen des Kopfes, meist in vertikaler, seltener in horizontaler oder rotierender Richtung, festgestellt. Als Ausdruck nasaler Irritation zeigen erkrankte Pferde typischerweise zusätzlich vermehrtes Schnauben, ein Reiben der Nase sowie intensives Lippen- und Zungenspiel. In hochgradigen Fällen versuchen die Pferde, mit den Vorderbeinen in Richtung der Nase zu treten, bleiben stehen, steigen oder laufen rückwärts. Charakteristisch sind die unwillkürlich und ohne sichtbaren Reiz auftretenden, vorwiegend vertikalen Kopfbewegungen, wodurch erkrankte Pferde mit hochgradiger Symptomatik nicht selten unberechenbar und sowohl für andere Pferde als auch Menschen gefährlich im Umgang werden können.

Viele Pferde zeigen die Symptome nur unter Belastung und erst in fortgeschrittenem Krankheitsstadium bereits in Ruhe. Zu Krankheitsbeginn kann es zu einer meist von Frühjahr bis Herbst stärker ausgeprägten Symptomatik und einem nahezu symptomfreien Winter kommen. Das Kopfschlagen beginnt gehäuft ab dem 9. Lebensjahr und kann sowohl schleichend als auch plötzlich eintreten.

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Ätiologie und Pathogenese

Trigeminus-mediiertes Headshaking

Headshaking Pathophysiologisch wird derzeit eine funktionelle Störung des N. trigeminus mit einer daraus resultierenden herabgesetzten Nervenreizschwelle angenommen. In Anlehnung an die Trigeminusneuralgie des Menschen wird von einer durch diese Neuropathie verursachten starken und oft perakut einsetzenden Schmerzhaftigkeit der Pferde ausgegangen. Als Ausdruck der Hypersensibilität reagieren von Headshaking betroffene Pferde stärker auf Umgebungsreize als gesunde Pferde, wobei Faktoren wie Sonne, Wärme, Wind, Regen und Insekten auslösende Trigger sein können.

Symptomatisches Trigeminus-mediiertes Headshaking

Bei der symptomatischen Form existiert eine primäre Erkrankung, z. B. eine Entzündung oder tumoröse Veränderung, im Innervationsgebiet des Trigeminusnerven, die sekundär zu dessen Reizung führt. Mögliche Ursachen sind folglich sehr vielfältig und betreffen zahlreiche Organsysteme und Strukturen des Kopfes (Tabelle 1). Klinisch bestehen häufig Ähnlichkeiten zu der allergischen Rhinitis des Menschen. Bislang gibt es allerdings noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, ob bei Pferden mit Headshaking eine Allergie ursächlich ist. Im Einzelfall kann eine mögliche Kausalität durch eine diagnostische Therapie mit Glukokortikoiden oder Antihistaminika evaluiert werden.

 

Organsystem

kausale Primärkrankheit

Haut
  • Dermatitiden, Urtikaria
  • Ektoparasiten
Ohr
  • Otitis media/interna, Trommelfellruptur
  • Fremdkörper, Tumoren, Othämatom
  • Zahnbalg- oder Dermoidzysten, hyperplastische Dermatitis
  • Ektoparasiten (Psoroptesmilben, Zecken)
Auge
  • Traubenkornödem, Uveitis, Linsenluxation
  • Obstruktion Tränennasenkanal
Atmungsapparat
  • Sinusitis, Rhinitis, Pharyngitis, Luftsackmykose
  • Fremdkörper, Tumoren
  • Dyspnoe durch Atemwegsobstruktionen
Verdauungsapparat    
  • apikale Zahnwurzelabszesse, Alveolarperiostitiden
  • Gingivitis, tiefe Schleimhautläsionen, Zahnwechsel
  • Schmerzen durch Druck des Gebisses auf Diastema, Gaumen, Wolfszähne
Nervensystem
  • Infektionen mit neurotropen Viren

 

Idiopathisches Trigeminus-mediiertes Headshaking

Ist nach einer umfangreichen und zielgerichteten Ausschlussdiagnostik keine primär ursächliche Krankheit zu diagnostizieren, liegt ein idiopathisches TMHS vor. Dies trifft auf einen Großteil der an Headshaking erkrankten Pferde zu. Beim idiopathischen TMHS ist die genaue Ursache für die Funktionsstörung des N. trigeminus bislang ungeklärt. Eine Beteiligung von Herpesviren wird immer wieder diskutiert, konnte bislang aber nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Nicht-Trigeminus-mediiertes Headshaking

Ein Schlagen des Kopfes kann ebenfalls durch muskulo-skelettale Schmerzen (vertebral) ausgelöst werden oder Ausdruck einer Verhaltensstörung (habituell) sein. Betroffene Pferde zeigen keine Anzeichen einer nasalen Irritation, die Symptomatik ist reproduzierbar und unabhängig von äußeren Triggern.

Vorbericht

Aufgrund der vielfältigen möglichen Ursachen und variablen klinischen Ausprägung ist es unerlässlich, einen ausführlichen Vorbericht zu erheben. Der Fokus sollte darauf liegen, sämtliche Hinweise für primäre Ursachen eines symptomatischen, vertebralen oder habituellen Headshakings zu identifizieren. Vorberichtlich sollten mögliche kausale Zusammenhänge zu der Art der Belastung sowie Sattel, Zaumzeug und reiterliche Ursachen ausgeschlossen werden.

 

Headshaking - wichtige Vorberichtsfragen

  • Wie lange bestehen die Symptome bereits?
  • Verlauf der Symptomatik
  • Umweltabhängigkeit (Sonne, Wärme, Wind, Regen, Insekten)
  • Saisonalität
  • belastungsinduziert oder auch in Ruhe
  • Sattel und Zaumzeug überprüft
  • Symptome unabhängig von Art der Belastung (Reiten, Longe, Freilaufen, Fahren)
  • Symptome nasaler Irritation (Reiben der Nase, vermehrtes Schnauben, vermehrtes Lippen- und Zungenspiel)
  • Ansprechen auf Schmerzmittel
  • andere Erkrankungen

Diagnostik

Ziel der Diagnostik ist die Abgrenzung von idiopathischem gegenüber symptomatischem TMHS sowie der Ausschluss von vertebralem oder habituellem Headshaking, um eine zielgerichtete und möglichst erfolgversprechende Therapie initiieren und eine adäquate Prognose stellen zu können. Da es keine standardisierte Untersuchungsmethode gibt, um idiopathisches Trigeminus-mediiertes Headshaking direkt zu diagnostizieren, erfolgt die Diagnostik in Form einer Ausschlussdiagnostik.

 

TRIGEMINUS-MEDIIERTES HEADSHAKING

Ausschlussdiagnostik
  • labordiagnostische Untersuchungen
  • klinisch-neurologische Untersuchung
  • orthopädische Untersuchung
  • Maulhöhlenuntersuchung inkl. Röntgen und Endoskopie
  • ophthalmologische Untersuchung
  • Endoskopie der Atemwege
  • Endoskopie der Ohren
  • Röntgen von Kopf, Genick, Hals, bei Verdacht auch des Rückens
  • lokale diagnostische Anästhesien (je nach Verdachtsbefund N. maxillaris, N. infraorbitalis, lokale Infiltration)
  • computer- und magnetresonanztomografische Untersuchung des Kopfes

Merke

Aufgrund der vielfältigen möglichen Ursachen für symptomatisches TMHS, sollten sämtliche relevanten Organsysteme systematisch auf pathologische Veränderungen hin untersucht werden.

Diagnostizierte oder verdächtige Primärerkrankungen sollten anschließend vor dem Hintergrund der Ausschlussdiagnostik therapiert werden. Verschwinden die Symptome mit der Therapie, bestätigt sich die Diagnose des symptomatischen TMHS. Anderenfalls muss davon ausgegangen werden, dass der Befund nicht in Zusammenhang mit dem Headshaking steht oder der vorhandene Nervenschaden bereits irreparabel ist.

Mit einer computertomografischen Untersuchung des Schädels sowie einer magnetresonanztomografischen Untersuchung des Gehirns und der austretenden Gehirnnerven werden alle Möglichkeiten der Ausschlussdiagnostik in Bezug auf ein TMHS ausgeschöpft. Bleiben auch diese Untersuchungen unauffällig, so ist die Diagnose eines idiopathischen TMHS im Sinne einer Trigeminusneuropathie zu stellen.

Sensorische Nervenleitgeschwindigkeitsmessung

Bei der sensorischen Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (SNLG) wird mittels Elektrodiagnostik die Reizschwelle und die Leitgeschwindigkeit des Trigeminusnerven bestimmt.

Dazu wird in Allgemeinanästhesie ein elektrischer Stimulus an der Gingiva auf Höhe des Caninus gesetzt und anschließend eine Ableitung an verschiedenen Lokalisationen gemessen:

  • N. infraorbitalis
  • N. maxillaris
  • spinal auf Höhe des ersten Halswirbels
  • frontoparietal auf Höhe des cerebralen Cortex

Die Nervenleitgeschwindigkeit ist in der Regel unverändert im Vergleich zu gesunden Pferden, wohingegen die Reizschwelle bei erkrankten Pferden herabgesetzt sein soll.

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Therapie

Bei symptomatischem TMHS und vertebralem Headshaking wird eine Therapie der Primärerkrankung initiiert. An idiopathischem TMHS erkrankte Pferde können mit verschiedenen Maßnahmen therapiert werden, wobei zu berücksichtigen ist, dass diese Pferde sehr variabel auf Therapien ansprechen können.

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PENS

Die Neuromodulationstherapie mittels perkutaner elektrischer Nervenstimulation (PENS) zeigt beim Menschen vielversprechende Erfolge in der Therapie von chronischen Nervenschmerzen. Die initiale Anwendung bei einem Pferd mit Trigeminus-mediiertem Headshaking beinhaltet 3 Therapiesitzungen. Kommt es nach einem ersten Therapieerfolg zu einer Wiederverschlechterung der Symptomatik, können weitere Sitzungen durchgeführt werden. Die minimalinvasive Durchführung und das nur seltene Auftreten von transienten und milden Komplikationen bei verhältnismäßig guten, evidenzbasierten Erfolgsraten, ist ein großer Vorteil. Im Gegensatz zu der Gabe von Medikamenten stehen die Pferde bei der Neuromodulationstherapie unter keiner dauerhaften Therapie und damit einhergehenden Nebenwirkungen und Nachteilen. Daher wird die PENS-Therapie aktuell als Therapiemethode der Wahl betrachtet.

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Management

Da TMHS bislang nicht zuverlässig effektiv therapierbar ist und von einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Pferde ausgegangen wird, ist das adäquate Management erkrankter Pferde besonders wichtig. Es sollte jegliche Art von Reizminderung erfolgen, die die Symptomatik reduzieren kann, wobei das Regime von den individuell zu identifizierenden Triggerfaktoren abhängig ist. Des Weiteren sollte eine effektive Insektenabwehr in Ruhe und beim Reiten durchgeführt werden, wenn diese als Trigger wirken.

Viele Pferde erfahren eine deutliche Erleichterung durch das Tragen eines Nasennetzes oder ‑fransen und/oder einer getönten Lichtschutzmaske.

Prognose

Grundsätzlich ist die Prognose abhängig von der ätiologischen Diagnose und der gewünschten Nutzung. Liegt eine primär symptomatische Ursache vor, konnte in wenigen Fällen, nach erfolgreich therapierter Primärkrankheit, eine Symptomfreiheit erreicht werden. Handelt es sich um idiopathisches TMHS, ist die Prognose im Allgemeinen als sehr vorsichtig bis schlecht einzustufen. Häufig handelt es sich um eine progressiv verlaufende Krankheit, die nicht selten dazu führt, dass die betroffenen Pferde unreitbar werden und auch in Ruhe deutliche Symptome, sowie eine Wesensveränderung zeigen. Entscheidend ist ein Ansprechen auf die Therapie, wobei häufig eine Linderung der Symptome, seltener ein vollständiges Verschwinden erreicht werden kann. Sollte trotz optimiertem Management und Therapieversuchen keine überwiegend symptomfreie und damit schmerzfreie Haltung für das Pferd erreicht werden können, ist das Headshaking als dauerhaftes Leiden einzuordnen und stellt damit einen vernünftigen Grund für eine schmerzlose Tötung dar.

Fazit

Headshaking ist eine oft schwerwiegende Krankheit, die meist zu einer Beeinträchtigung der Nutzbarkeit des erkrankten Pferdes führt. Basierend auf den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird davon ausgegangen, dass betroffene Pferde teilweise unter starken Schmerzen und/oder Stress leiden. Daher und aufgrund des möglicherweise progressiven Charakters der Erkrankung, sind eine diagnostische Abklärung und ein Therapieversuch auch bei geringgradigen Fällen empfehlenswert. Der Fokus liegt hierbei auf dem frühzeitigen Erkennen möglicherweise gut therapierbarer Primärerkrankungen oder dem mittels Ausschlussverfahren diagnostiziertem idiopathischen TMHS. Nur so kann eine frühzeitige und adäquate Therapie initiiert werden, um den Pferden unnötiges Leiden zu ersparen. Die PENS-Therapie kann derzeit als Therapiemethode der Wahl gesehen werden. Können erkrankte Pferde trotz adäquater Therapie und Managementänderungen nicht über einen Großteil der Zeit symptomfrei gehalten werden, sollte aus ethischen Gründen eine Euthanasie in Betracht gezogen werden.

 

Der Originalartikel zum Nachlesen:

Tanja Kloock ist Tierärztin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover in der Klinik für Pferde.

Dr. Tobias Niebuhr ist Fachtierarzt für Innere Medizin der Pferde an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover in der Klinik für Pferde.

Prof. Dr. Karsten Feige ist Fachtierarzt für Innere Medizin der Pferde an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover in der Klinik für Pferde. Er ist Direktor der Klinik für Pferde und Leiter der Abteilung Innere Medizin der Klinik für Pferde.

Ihr Originalartikel "Trigeminus-mediiertes Headshaking – Von der Diagnostik bis zur Therapie" erschien im Pferdespiegel.